Ihr seid nicht vergessen

Diana Kessner

Übersetzt von E.M.

(Fortsetzung, vgl. Ausgabe Nr. 16-26)

Die Zeit verging und der Krieg war nicht mehr „amüsant". Rußland gab eine Stadt nach der anderen auf. Die deutsche Armee erwies sich als eine gut trainierte und ausgerüstete, professionelle Armee. An einen „Operetten-Krieg" glaubte niemand mehr. Jetzt war es kaum noch möglich, den Feind als einen unfähigen und unprofessionellen darzustellen. Damit hätte man sich selbst geschadet.
Deswegen drehte sich nun die Kinodramaturgie um 180°: der Feind wurde plötzlich klug, stark, tückisch, grausam und war hervorragend ausgerüstet.
Eine solche Armee zu bezwingen war eine große Ehre für jeden Staat der antifaschistischen Koalition. Der sowjetische Film war das Hauptmittel der Propaganda seitens der sowjetischen Regierung. Die Regisseure waren alle Kommunisten. Die Filme waren immer spannend und die Haupthelden riefen bei den Zuschauern einen Nachahmungsreflex hervor. Die Menschen wollten so sein wie die Helden der beliebten Filme. Dank dieser Politik wollten Jugendliche mit 16-18 Jahren Panzergrenadiere und Militärflieger werden. Sie verließen ihre Elternhäuser und zogen als Freiwillige in den Krieg…
Das Hauptziel unseres Aufenthaltes in Semipalatinsk war erreicht: wir bekamen legale Papiere. Der Vater fand eine weitere Arbeit für sich: neben der Arbeit in der Schule führte er die Buchhaltung für die Eisenbahnbehörde von Semipalatinsk (in Tbilissi hatte er dasselbe bei der Tbilisser Eisenbahn gemacht). Den Jahresbericht sollte er in Alma-Ata abgeben. Diese Reise dauerte etwa 10 Tage. Das Resultat war überraschend: In der Hauptstadt wurde unserem Vater die Stelle des Hauptbuchhalters in der Eisenbahnverwaltung angeboten …
Unsere Freude war grenzlos. Verdrießlich war nur Murtasin. In seiner Vorstellung waren wir lebenslange Häftlinge der Schule Nr. 16 und nun plötzlich so was… Anfangs bat er unsere Mutter zu bleiben, dann schrie er, forderte auf, drohte… zum Schluß brach er in Tränen aus und weinte mit den echten, geizigen Tränen des Mannes.
-Ich habe mich so an euch gefesselt! Ihr seid meine Familie. Was mache ich ohne euch mit diesem Haus… die Kinder laufen wieder auseinander, werden wieder klauen…
Aber die Mutter war unerbittlich.
Ende Februar, an einem schrecklich frostigen Tag, standen wir auf dem Bahnsteig im Semipalatinsker Bahnhof. Unser ganzer Kram war in Furnierkisten verpackt. Kurz vor der Abfahrt erfuhren wir, dass die Kisten mit einem Tuch überzogen werden mussten. Wir hatten aber weder Tuch noch Nadel und Faden dabei…
Bis heute bleibt für mich rätselhaft, wo und wie die Mutter innerhalb weniger Minuten das alles besorgte. Mit nackten Händen, bei 45 Grad unter Null, wo die Nadel an den Fingern festfror, überzog die Mutter die Kisten. Sie wurden abgegeben.
Es polterten und rasselten die vielfach geqälten, alten, schmutzigen Platzkartenwagen, voll von Alten und Kindern. Der bittere Geruch der seit langem nicht gewaschenen Körper, gemischt mit dem Qualm billigen Tabaks und Wodkadunst, war unmöglich.
Hier und da erschienen und verschwanden die Soldaten. Der kurze Tag war um. Und nun nahm uns der Zug wieder in ein anderes Leben mit, in ein neues Leben mit etwas weniger „Unklarheiten" und „Geheimnisvollem" als zuvor…

Alma-Ata

Ich kann mich nicht erinnern, wie lange unsere Fahrt dauerte: Stationen, das Ziehen der Wagen und das Rasseln der Puffer blieben in meinem Gedächtnis als ein einheitlicher „Faden" der Laute und Geräusche…
Schließlich verkündete die Stimme des Schaffners die Ankunft in Alma-Ata.
Direkt vom Bahnsteig gerieten wir in den Wartesaal, der voll von Fahrgästen war: man saß und lag auf den Bänken, auf dem Fußboden und in den Durchgängen…
Am Ende des Wartesaales war der offene Ausgang zu sehen, aber sogar dieser frostige Durchzug konnte die dicke Schicht der gepreßten, heißen, stinkenden Luft nicht durchdringen. Wir schlichen mit Mühe durch diese Menschenbarrikaden und tauchten endlich auf der Straße auf, wo uns gleich die helle, frostige Nacht umarmte.
Ein weiteres Stückchen unseres Lebens war vorüber, und vor uns sollte ein neues und unbekanntes liegen…
Alma-Ata – eine große Stadt! Eine alte Hauptstadt. Aber Häuser waren noch kaum zu sehen, nur lange Pappelalleen in verschiedenen Richtungen und der Boden, gestreift von Schattengraphik…
In dieser Stadt waren auch alle großen Filmstudios der Sowjetunion untergebracht (wegen des Krieges), unter anderem auch „Mosfilm" und „Lenfilm" (Moskau-Film und Leningrad-Film, Red.)…
Am frühen Morgen verschwand unsere Mama. Sie ging wahrscheinlich die Gegend erkunden. Gegen 10 Uhr war sie wieder da und hatte sehr gute Laune. Sie erklärte, sie habe ein Haus gekauft! Wir hätten jetzt unsere Zuflucht! Wir waren alle überrascht, aber sofort mieteten wir ein Eselgespann, luden unseren ganzen Kram darauf und fuhren eine Seitenallee entlang. Bald zeigten sich eng beieinander stehende, kleine, eingeschossige Häuschen zu beiden Seiten der Straße. „Ein echtes Ameisennest!" – sagte Mama. Später erfuhren wir, daß dieses Viertel wirklich so hieß.

(Fortsetzung folgt)