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Ihr seid nicht vergessen
Diana Kessner
Übersetzt von E.M.
(Fortsetzung, vgl. Ausgabe Nr. 16-27)
Endlich hatten wir die Häuschen hinter uns gelassen
und es erschien das Dickicht eines Waldes oder Parkes. Eine ganz tiefe
Schlucht trennte das Dickicht vom Hügel, auf dem einsam ein weißes,
eingeschossiges Haus stand. Kein einziges Gebäude ringsum. Dies war unser
Haus mit drei Schornsteinen und Fenstern. Rechts floß ein kleines
Flüßchen am Hügel vorbei, links war die schon genannte Schlucht, über
der ein riesiger alter Baum lag, das „Opfer eines Orkans". Dieser
Baum diente als Brücke vom Hügel zum Wald. Keine Straße, kein Pfad zum
Haus war zu sehen, es sollte seit langer Zeit leer gestanden haben.
Endlich schloß Mama die Tür auf. Aufgeräumt und geputzt sah das Haus
ganz sympathisch aus. Die Öfen machten einen guten Eindruck und Holz
hatten wir gleich daneben im Walde. Neben dem Haus war ein Keller, wo wir
Gemüse, eingelegtes Gemüse und bei Frost auch unser Vieh – Ziegen,
Hühner und Gänse – hielten .
Wir besetzten zwei Zimmer, Onkel Wadim das dritte, kleinste Zimmer. Aus
dem, was uns von den vergangenen Jahren geblieben war, versuchten wir
etwas dem „Gemütlichen" Ähnliches zu schaffen. So ruhten hier „in
Frieden" Dinge, die, ästhetisch gesehen, einander ausschlossen:
feine Kandelaber (Bronze, Marmor und Kristallanhänger), eine italienische
Vase aus Perlmuttglas, eine Milchkanne, zwei Kaffeekannen und eine
Zuckerdose aus Silber und mit Monogrammen unseres Großvaters, eine Kopie
der bekannten „Drei Grazien" und ein billiges Gobellin mit
Applikation, das das Bett vor Berührung mit der eiskalten weißen Wand
schützte. Die in Tbilissi angeschafften Furnierkisten dienten jetzt, mit
verschiedenen Tüchern überzogen, als Kommode, Toilettentischchen,
Bücherregale usw. Den Fußboden und den Tisch kratzten wir bei jedem
Aufräumen mit scharfen Messern, wie es die kasachische Tradition
vorschrieb, bis sie gelbliche Honigfarbe angenommen hatten…
Der Frühling war schon da und mit jedem Tag waren immer weniger „Schneeinseln"
zu sehen. Die Erde bedeckte sich allmählich mit grünem Flaum. Eines
Nachts hörten wir hinter der Hauswand einen drohenden Lärm und
Wasserrauschen. Wir drängten nach außen. Den Lärm machten anschwellende
Frühlingsgewässer, die die Schlucht zur Hälfte gefüllt hatten. Gegen
Morgen fand das Wasser ein neues Bett und unser Hügel befand sich jetzt
von drei Seiten aus im Wasser. Die Erwachsenen sahen dem steigenden Wasser
ängstlich zu. Jetzt war uns schon klar, warum wir dieses Haus so billig
und in gutem Zustand kaufen konnten. Man hatte einfach Angst, hier zu
wohnen.
Aber in den nächsten Tagen sank zum Glück der Wasserspiegel und am
Wochenende konnten wir schon wieder in die Stadt aufbrechen.
Der „wilde Wald" vor uns war in Wirklichkeit der Rand des
Stadtparks, aber so weit entfernt von der Stadt, dass man sich nicht
dorthin wagte. Dies war zu unseren Gunsten, denn niemand störte uns.
Die Siedlung Alma-Ata II war eine Art Industrievorort der Hauptstadt.
Hier waren Fabriken und Werke, grosse und kleine, eine Eisenbahnstation,
wo alle möglichen Züge eintrafen und entladen wurden. Hierher kamen
unter anderem auch Sanitätszüge mit verletzten Soldaten direkt von der
Front.
Vater fuhr mit einer S-Bahn zur Arbeit in die Eisenbahnverwaltung
Kasachstans nach Alma-Ata I. Mutter beschäftigte sich mit dem
Hauptstadt-Markt, denn unser ganzes Geld war fürs Haus ausgegeben worden.
Onkel Wadim fand eine Stelle an der örtlichen Schule. Die Hauswirtschaft
blieb an uns, mir und meiner Schwester, hängen.
Mit der Schule war ich schon in Semipalatinsk fertiggeworden. Ich hatte
sogar eine handgeschriebene Bescheinigung darüber. Ich sollte an eine
Fortsetzung des Studiums denken.
Ich fing an, manchmal in die Stadt zu fahren.
Als Stadt gibt es Alma-Ata seit 1854. Der Name stammt von der Siedlung
Almati – Vater der Äpfel. Dieser Name wurde seit 1921 benutzt, bis
dahin hieß die Stadt „Vernij". Diese an Apfelbaum-Alleen reiche
Stadt erlitt zwei schreckliche Erdbeben, die sie fast ganz zerstört
hatten.
Ich spazierte durch schattige, kühle Straßen dieser lauten und
multinationalen Stadt. Die Straßen wurden von beiden Seiten von
Apfelbäumen verschiedener Arten begrenzt – Apfelbäume für alle. Jeder
konnte die Früchte pflücken oder unter dem Baum aufsammeln, und ebenda,
an der sauberen Quelle in der Allee, abwaschen und essen.
Auf der Straße wurden an den Läden Eis, kühle Getränke sowie Gebäck
verkauft. An den Menschen dominierte die Khaki-Farbe des Krieges.
Auffallend waren viele Kriegsverletzte mit Krücken, Stäben, manche ohne
Beine auf kleinen selbstgemachten Karren. Einige fanden in sich noch den
Mut, sich zu pflegen, zu rasieren, zu putzen und mit Medaillen zu
behängen. Die anderen waren der Armut und Depression verfallen, mit
grauen, betrunkenen Gesichtern, schmutzig und abgefetzt. Sie griffen mit
Stäben und Krücken die Passanten an und verlangten verzweifelt Almosen
für „Wodka für die Verteidiger des Vaterlandes"!
Ab und zu traf einen gleichgültigen Passanten eine Krücke in den
Rücken. Der Schlag warf ihn zu Boden, und dann begann ein Durcheinander:
in einem Augenblick sprangen 4-5 Invaliden zum „Opfer" und
verprügelten es mit Geschrei: „Ich blutete an der Front, du Gesindel!
Und du hast hier die Frauen der Offiziere bedient… Zerquetsch das
Schwein!"
Und dieses Prügeln und Schreien auf dem Boden dauerte, bis die
Militärpatrouille in der Nähe pfiff.
In demselben Augenblick blieb nur noch der Geschlagene auf dem leeren
Fleckchen zurück, zerrissen, blutend, ohne Kleider und Geldbeutel… Er
wurde mitgenommen zu Fuß oder in einem Auto, die Invaliden berührte man
nie. Was hätte man auch von ihnen verlangen können? Was sie tun konnten,
hatten sie ohnehin schon im Krieg geleistet…
(Fortsetzung folgt)
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