Ihr seid nicht vergessen

Diana Kessner

Übersetzt von E.M.

(Fortsetzung, vgl. Ausgabe Nr. 16-28)

Die interessanteste und bunteste Stelle war der Basar. Er schien Menschen aller Kasten, Nationalitäten, Hautfarben und Glaubensbekenntnisse in sich vereinigt, grob vermischt und stückweise nach außen ausgespuckt zu haben… Besonders auffallend waren die Chinesen. Sie handelten mit den erstaunlichsten und anziehendsten Sachen: leichten Bambusschirmen in grellen Farben, bunten Seidenstoffen, feinen Fächern, chinesischen und japanischen Seidenmänteln (Chalat) und Ton- sowie exquisitem Porzellangeschirr. In kleinen Buden saßen chinesische Schuhmacher und nähten feine, mit farbigem Leder geschmackvoll verzierte Frauenschuhe… Klein von Wuchs, flink und gewandt verbeugten sie sich endlos und wiederholten ständig ein einziges Wort: Danke… Dankee… Dankeee…

Auf dem Basar betrog man überall und in allem, falsche Geldscheine eingeschlossen. Der dreckigste und gemeinste Ort aber war der Lebensmittelmarkt, wo man außer mit Früchten und Gemüse auch mit Speisen und Gebäck mit sehr zweifelhafter Füllung handelte… Saure Fäulnis lag in der Luft, und jede noch so kleine Brise trug diesen Gestank ins ganze Viertel.

Mit selbstgebranntem Schnaps (Samogon) wurde an fast jeder Bude gehandelt, Kundschaft – Bettler, Verwundete, Landstreicher, gab es in Fülle. Viele, die kein Geld hatten, gruben im Müll und suchten nach brauchbaren Sachen. An jeder Ecke hörte man betrunkene Stimmen. Am widerwärtigsten die betrunkenen Frauen, schmutzig, abgefetzt in dreckigen Stoffpantoffeln. Sie zankten oft und hart miteinander wegen ihrer einarmigen oder einbeinigen Männer. Als Kriegsteilnehmerinnen ("Frontowitschka" russ.) waren sie gut in diesen Sachen geübt…

Einmal fand man in einem Fleischbrot einen menschlichen kleinen Finger. Sogar der Fingernagel war noch dran. Diese Nachricht erfuhr sofort die ganze Stadt. Die Miliz (damalige Polizei in Sowjetunion) nahm sich diesmal ernsthaft der sog. Bande der "schwarzen Katze" an. Jene hielt Alma-Ata in ständiger Angst. Man vermied es, im Dunkeln auszugehen. Alle Theateraufführungen und Kino endeten noch beim Tageslicht.

An einem kalten Spätherbsttag verkündeten alle Zeitungen die Verhaftung der Bande der „schwarzen Katze". Der Gerichtsprozess war offen und schnell: Die Täter gestanden, nachts Kinder und alte Menschen entführt zu haben, um sie später in geheimen Werkhallen zu Fleischprodukten zu verarbeiten. Sie hatten dabei enge Verbindungen mit dem ganzen Netz der Marktverkäufer, die diese Fleischgerichte verkauften.

Der Urteil war streng und gerecht: Vier der Verbrecher wurden auf dem zentralen Platz öffentlich hingerichtet, die übrigen wanderten für 10 bis 25 Jahre hinter Gitter.

Kurz nach diesem Prozess wurden die abendlichen Strassen wieder laut und lebendig. Man genoss die wiedergewonnene Sicherheit.

Während unseres Aufenthalts in Alma Ata bin ich zweimal zufällig georgischen Soldaten begegnet, habe sie angesprochen und anschließend über unsere Ohnmacht bitter geweint. Wir durften noch lange nicht heimkehren. Heimkehren, denn meine Heimat, wo ich aufgewachsen und zur Schule gegangen war, Freunde hatte, meine Heimat war Georgien… Einmal fand ich beim Büchertauschen in der Bibliothek eine Illustrierte auf dem Tisch. Unter Kinoneuigkeiten wurde über die Aufnahmen zum Film "Giorgi Saakadse" in Georgien mit Akaki Chorawa als Hauptdarsteller berichtet. Dazu gab es auch viele Fotos. Dieser Umstand war eine weitere Ursache meiner Tränen und einer langen, für Menschen meines Alters seltenen, tiefen Depression. Ich vergaß in solchen Momenten alles, was junge Frauen sonst so interessiert und lebte nur in den Erinnerungen aus meiner Kindheit, die dort, irgendwo, in weiter Ferne zurückgeblieben war und zu der ich nie zurückkehren durfte. Dieses "Niemals" brachte mich um!

Je größer ich wurde, um so stärker wurde dieses Gefühl. Ich war in einem der Tbilisser Höfe, in einer georgischen Umgebung aufgewachsen. Mit den Nachbarskindern hatte ich Georgisch gesprochen. Jeden Sommer hatten mich die Nachbarn zu ihren Verwandten aufs Land mitgenommen. Ich war vom georgischen Geist, von der Kultur und der Sprache so durchdrungen, dass ich mich selbst für einen untrennbaren Teil dieses Landes hielt.

Alma-Ata war der letzte Punkt vor dem Start „nach Hause" – nach Tbilissi. Dieses Thema wurde zu Hause bewusst nicht diskutiert, aber jeder begriff: Bald, sehr bald… Heute oder morgen sollte der Krieg zu Ende gehen. Die Bewegungsfreiheit auf dem russischen Territorium nahm offenbar zu und viele Evakuierte konnten nach Hause zurückkehren, nicht ganz legal, aber vergleichsweise leicht.

(Fortsetzung folgt)