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Im Spiegel
von Margret Steenfatt

Marina Kawsadse / 6. Gymnasium Tbilissi
Dr. Reinhard Leusing / Fachberater und Koordinator für Deutsch in Georgien

Die Kurzgeschichte „Im Spiegel" der bekannten Jugendbuchautorin Margret Steenfatt handelt von Konflikten, die Achim mit anderen Leuten, die im Text jedoch nur anonym als „sie" auftauchen, und besonders mit sich selbst – sogar gewaltsam – austrägt. Das Thema scheint geeignet für den Unterricht mit Jugendlichen.
Das Motiv des Titels der Kurzgeschichte – der Spiegel – wird nicht nur mehrfach im Text benannt, es kommt auch in der stilistischen und grammatischen Form des Textes zum Ausdruck. Um dieser zentralen Bedeutung des Spiegelmotivs gerecht zu werden, schlagen wir eine beinahe „klassische" Hinführung zu dem Text vor:

 v Das Wort „Spiegel" wird groß an die Tafel geschrieben, und die Lernenden sollen spontan ihre Einfälle, Ideen dazu äußern, die dann in Form eines Assoziogramms festgehalten werden.
    Der Aufbau von Steenfatts Kurzgeschichte ist in mehrfacher Hinsicht raffiniert. Um den Lernenden einige dieser Aufbauprinzipien anschaulich – wörtlich „begreifbar" – zu machen, haben wir uns entschlossen, die Geschichte ihren 10 Absätzen folgend zu zerschneiden, den Lernenden – zu zweit oder zu dritt - die 10 Schnipsel zu geben und sie zu bitten, eine sinnvolle Textreihenfolge festzulegen. Anschließend stellen die Kleingruppen ihre Entscheidung in kurzen statements vor.

 v Ordnet die zehn Textbausteine zu einem sinnvollen Gesamttext.
   
Die Lernenden werden erfahren, dass Achims Lage, Stellung und Handlungen in seinem Zimmer eine geeignete Richtschnur für die Textreihenfolge sind. Folgende Hinweise dienen als besondere Orientierung. „Achim, unter Decken und Kissen vergraben" (2. Absatz); „Achim schob sich halb aus dem Bett" (4. Absatz); „eine halbe Körperdrehung nach rechts......brachte ihn hoch" (5. Absatz); „er robbte zur Wand....kniete sich davor" (6. Absatz) „Achim...ging zum Fenster" (7. Absatz); „er...wühlte in den Sachen" (8. Absatz); „er holte mit dem Arm weit aus" (9. Absatz); „er wollte runtergehen" (10. Absatz). Der Positionswechsel – von der Horizontalen zur Vertikalen – und die ständige Zunahme von Aktion bis hin zum Zerschlagen des Spiegels und des Verlassens des Raumes ganz am Ende sollten als Bauprinzipien erkannt werden.
    Im nächsten Schritt kann der Text in der Fassung von Steenfatt vorgelesen werden. Die Lernenden erfahren, wie eng oder weit ihre eigene Textreihenfolge von der Originalform entfernt ist. Unbekannte Begriffe müssen in vertrauter Lexik-Arbeit geklärt werden.

    Vorlesen des Textes durch den Lehrer; Klären unbekannter Begriffe.
    Das Interesse der Lernenden wird sich wahrscheinlich auf die Selbstwahrnehmung Achims richten, die am Anfang durch die mehrmalige Wiederholung des Wortes „nichts" von Steenfatt markant in den Mittelpunkt gerückt wird. (Die Schüler sollen einmal zählen, wie oft „nichts" da eigentlich auftaucht. Als geschickte Einstiegsfrage in den gehaltlichen Grund der Geschichte könnte insofern dienen: Was versteht ihr unter diesem von Achim so häufig wiederholten „Nichts"?

    Gruppengespräch über den zentralen Begriff „nichts" am Anfang der Kurzgeschichte.
    Ein weiteres wichtiges stilistisches Prinzip ist Steenfatts Verwendung von Farbangaben im Text. Um den Lernenden diese bewusste Wahl der Autorin zu verdeutlichen, mögen sie alle „Farbwörter" im Text unterstreichen.

 v Unterstreicht alle Wörter im Text, die sich auf Farben beziehen.
    Anschließend schreibt der Lehrer alle Farbnamen an die Tafel und bittet die Schüler, assoziativ Bedeutungen dieser Farben zu benennen, die ebenso an der Tafel gesammelt werden.
    Im folgenden Gespräch wird sich herauskristallisieren, dass Achim seine Umgebung anfangs farblos, „weiß", „ungemalt" empfindet (vgl. 4. Absatz). Auch sich selbst nimmt er im Spiegel beinahe konturlos wahr: „lang, knochig, grauen Augen im blassen Gesicht, hellbraune Haare, glanzlos." (6. Absatz). Dies alles stimmt mit Achims anfänglicher Selbstwahrnehmung als „Nichts" überein. Im Verlaufe des Textes intensivieren sich die Farbangaben und die Farbgegensätze: „schwarz, weiß, blau", um schließlich in dem Satz „Dabei wurde sein Gesicht rotverschmiert" (mit Blut) (9. Absatz) einen Höhepunkt zu erreichen.
    Die Lernenden können so erfahren, dass sich die Steigerung in der Handlung – vom passiven Liegen Achims, über das Aufstehen, über das Schminken des Spiegelbildes bis hin zum gewaltsamen Zerschlagen des Spiegels – auch in stilistischen Merkmalen ausdrückt.
    In dem Spiegel kann Achim sich selbst sehen. Das Spiegelbild bezieht sich (zurück) auf ihn selbst. Hier liegt ein reflexives Moment vor, das Steenfatt wiederum geschickt hin in die grammatische Struktur des Textes hinein zum Ausdruck bringt. Wir können daher die Lernenden bitten, alle reflexiven Verben (oder Verbverwendungen) in einer Liste zu notieren.

 v Schreibt alle reflexiven Verben (mit Stammformen) in eine Liste in euer Heft.
    Auch die sich in diesem Arbeitsschritt ergebende Liste (z.B. sich fragen, sich betrachten, sich abwenden, sich erheben, sich aufbauen, sich zeigen, sich bewegen, sich verschieben usw.) wiederholt die kontinuierliche Steigerung der Handlung. Ist nämlich am Anfang das „auf-sich-selbst-Beziehen" sozusagen ein rein innerer Vorgang in Achim – „Achim fragte sich" (2. Absatz) – wird später daraus ein Antriebsmotiv – „er baute sich auf." (8. Absatz).
    Am Ende der Kurzgeschichte treffen wir auf eine deutliche Absichtserklärung von Achim. Er „wollte runtergehen und irgendwo seine Leute treffen". (10. Absatz) Hatte er sich zuvor nur einmal kurz mit den anonymen „sie" (2. Absatz) – wahrscheinlich seinen Eltern – aber in der Hauptsache mit sich selbst, und genauer sogar „gegen" sich selbst, beschäftigt, so steht am Ende der Wunsch, „seine Leute" zu treffen. Eine schöne und sinnvolle Abrundung der Auseinandersetzung mit Steenfatts Kurzgeschichte könnte so ausschauen, dass die Lernenden aufgefordert werden, zu erzählen (oder aufzuschreiben), was Achim „seinen Leuten" berichtet, wenn die ihn wegen seiner Verletzung an der Hand fragen.

    Überlegt euch, was Achim seinen Leuten erzählt, wenn die ihn fragen: „Was ist da mit deiner Hand passiert?" (Stillarbeit, Stichwörter oder ganze Sätze, Vortrag).
    Eine andere Form der Abschlussbesprechung, in der die Gesamtaussage der Kurzgeschichte womöglich auch intensiv beleuchtet werden kann, könnte in folgendem Vergleich liegen:

    Warum verdeckt man in Georgien die Spiegel mit einem weißen Tuch, wenn jemand in der Familie gestorben ist?

Dr. Rheinhard Leusing und Marina Kawsadse

 

Im Spiegel
Margret Steefatt

   „Du kannst nichts", sagten sie, „du machst nichts", „aus dir wird nichts". Nichts. Nichts. Nichts.
   Was war das für ein NICHTS, von dem sie redeten und vor dem sie offensichtlich Angst hatten, fragte sich Achim, unter Decke und Kissen vergraben.
   Mit lautem Knall schlug die Tür hinter ihnen zu.
   Achim schob sich halb aus dem Bett. Fünf nach eins. Wieder mal zu spät. Er starrte gegen die Zimmerdecke. – Weiß. Nichts. Ein unbeschriebenes Blatt Papier, ein ungemaltes Bild, eine tonlose Melodie, ein ungesagtes Wort, ungelebtes Leben.
   Eine halbe Körperdrehung nach rechts, ein Fingerdruck auf den Einschaltknopf seiner Anlage. Manchmal brachte Musik ihn hoch.
   Er robbte zur Wand, zu dem großen Spiegel, der beim Fenster aufgestellt war, kniete sich davor und betrachtete sich: lang, knochig, grauen Augen im blassen Gesicht, hellbraune Haare, glanzlos. „Dead Keenedys" sangen: „Weil sie dich verplant haben, kannst du nichts anderes tun als aussteigen und nachdenken".
   Achim wandte sich ab, erhob sich, ging zum Fenster und schaute hinaus. Straßen, Häuser, Läden, Autos, Passaten, immer dasselbe. Zurück zum Spiegel, näher heran, so nahe, daß er glaubte, das Glas zwischen sich und seinem Spiegelbild durchdringen zu können. Er legte seine Handflächen gegen sein Gesicht im Spiegel, ließ seine Finger sanft über Wangen, Augen, Stirn und Schläfen kreisen, Streichelte, fühlte nichts als Glätte und Kälte.
   Ihm fiel ein, daß in dem Holzkasten, wo er seinen Kram aufbewahrte, noch Schminke herumliegen mußte. Er faßte unters Bett, wühlte in den Sachen im Kasten herum und zog die Pappschachtel heraus, in der sich einige zerdrückte Tuben fanden. Von der schwarzen Farbe war noch ein Rest vorhanden. Achim baute sich vor dem Spiegel auf und malte zwei dicke Striche auf das Glas, genau dahin, wo sich seine Augenbrauen im Spiegel zeigten. Weiß besaß er reichlich. Er drückte eine Tube aus, fing die weiche ölige Masse in seinem Händen auf, verteilte sie auf dem Spiegel über Kinn, Wangen und Nase und begann, sie langsam und sorgfältig zu verstreichen. Dabei durfte er sich nicht bewegen, sonst verschob sich seine Malerei. Schwarz und weiß sehen gut aus, dachte er, fehlt noch Blau. Achim grinste seinem Bild zu, holte sich das Blau aus dem Kasten und färbte noch die Spiegelstellen über Stirn und Augenbilder. Eine Weile verharrte er vor dem bunten Gesicht, dann rückte er ein Stück zur Seite, und wie ein Spuck tauchte sein farbloses Gesicht im Spiegel wieder auf, daneben eine aufgemalte Spiegelmaske.
   Er trat einen Schritt zurück, holte mit dem Arm weit aus und ließ seine Faust in die Spiegelscheibe krachen. Glasteile fielen hinunter, Splitter verletzten ihn, seine Hand fing an zu bluten. Warm rann ihm das Blut über den Arm und tröpfelte zu Boden. Achim legte seinen Mund auf die Wunden und leckte das Blut ab. Dabei wurde sein Gesicht rotverschmiert.
   Der Spiegel war kaputt. Achim suchte Zeug zusammen und kleidete sich an. Er wollte runtergehen und irgendwo seine Leute treffen.

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