Als die aktuelle Nummer der „Kaukasischen Post" schon zum
Drucken fertig war, gab es in Georgien Ereignisse, die wir nicht
unkommentiert lassen können.
Die Ereignisse in ihrer Reihenfolge:
Am 30. Oktober, gegen 13 Uhr kamen etwa 30 Mitarbeiter des
Sicherheitsministeriums in das Büro des georgischen unabhängigen
TV-Kanals „Rustavi 2" und forderten die Herausgabe aller Unterlagen
und Abrechnungen des Senders . Ihrer kurzen Erklärung zufolge habe „Rustavi
2" im September dieses Jahres etwa eine Million GEL dem Staat
verheimlicht.
Dabei wollten die Mitarbeiter des Sicherheitsministeriums diese Unterlagen
ohne jegliche Aufnahmen und Kameras prüfen. Laut dem Generaldirektor des
Kanals, Nika Tabatadse, war die Prüfung der Buchführung von dem
Steueramt vor einer Woche durchgeführt und keine Fehler entdeckt worden.
Also hätte laut Leitung des Kanals „Rustavi 2" diese Aktion einen
anderen, eventuell politischen Hintergrund. Vor einigen Tagen gab es in
dem Kanal einige scharfe Sendungen über das Innenministerium und andere
Machtstrukturen, dem eine Reaktion, bzw. eine offene Drohung seitens des
Innenministers Kacha Targamadse folgte. Das erklärt er den Journalisten
bei der Pressekonferenz im Innenministerium.
Die Sicherheitsbeamten konnten kein offizielles Dokument für die
Durchsuchung vorzeigen und die Direktion des Kanals forderte sie auf, das
Territorium des Privatunternehmens zu verlassen. „Rustavi 2" hat
diese Ereignisse live gesendet, und gleich danach versammelten sich
Hunderte von Bürgern vor dem Bürogebäude des Kanals. Dabei waren auch
mehrere Politiker und bekannte Persönlichkeiten, die ihren Protest gegen
diesen Gewaltakt äußerten. Die Aktion dauerte bis zum nächsten Tag und
am 31. Oktober wurde sie vor dem Parlamentsgebäude fortgesetzt. Diesmal
waren die Initiatoren der Aktion die Studenten, die auch neue Forderungen
an die Regierung stellten. Sie forderten den Rücktritt der ganzen
Regierung sowie des Präsidenten als auch vorzeitige Parlaments- und
Präsidentenwahlen.
Am selben Tag erklärte der Sicherheitsminister Wachtang Kutaladse seinen
Rücktritt. Der Präsident fand seine Handlung gerecht. Dabei bemerkte er,
daß das Innenministerium mit diesem Fall nichts zu tun hatte („Rustavi
2" hatte den Rücktritt des Innenministers Kacha Targamadse
gefordert).
Am Rustaweli Prospekt hatten sich schon Tausende von Bürgern versammelt
und die Hauptstraße der Stadt gesperrt. Viele verglichen die Situation
mit den Ereignissen im Jahre 1991, als die Opposition den Rücktritt des
damaligen Präsidenten Zwiad Gamsachurdia gefordert hatte. Die
Aufschriften auf den Plakaten waren die gleichen. Für den 1. November
wurde eine Sondersitzung des Parlaments einberufen, um die schwierige
Situation im Lande zu lösen.
Während die Parlamentarier diskutierten und die Bürger vor dem
Parlamentsgebäude rebellierten, entließ Präsident Schewardnadse die
gesamte Regierung und wandte sich ans Parlament mit dem Anliegen, die
Frage über die Neubildung des Ministerkabinetts zu beraten. Nach dieser
Aktion erklärte auch der Vorsitzende des Parlaments, Zurab Schwania,
seinen Rücktritt.
Mittlerweile beraten die Parlamentarier über die Kandidaten für das Amt
des Parlamentsvorsitzenden, obwohl bis heute noch keine Entscheidung
getroffen wurde. Innerhalb von zwei Wochen sollen die neuen Minister und
der neue Parlamentsvorsitzende ernannt werden. Das heißt, nach dem 14.
November wird Georgien eine neue Regierung haben.
Die Redaktion der "Kaukasischen Post"
P.S.: Inzwischen, am 10. November wurde zum neuen
Parlamentsvorsitzenden zum ersten Mal
eine Frau, die seit 6 Jahren im Parlament tätig ist, Nino Burdschanadse
(37) gewählt.