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Wie fährt man in Tbilissi?
Der ÖPNV der georgischen Hauptstadt
Falk Krentzlin
Die Seilbahnen der georgischen Hauptstadt
Seilbahnen kennt man vor allem aus Bergregionen und Wintersportgebieten
sowie als Touristenattraktion auch aus einigen Städten (Zürich und
Dresden zum Beispiel). Dass sie aber auch Beförderungsaufgaben im
städtischen Nahverkehr einer Stadt übernehmen und noch dazu so zahlreich
sind (oder besser: waren) wie in Tbilissi, ist eine große Seltenheit.
Mitte der achtziger Jahre gab es nicht weniger als neun Seilbahnanlagen
mit sehr unterschiedlichen Funktionen in der Hauptstadt. Einige dienten
vor allem dem Freizeitvergnügen wie die Schwebebahn für Kinder im
Msiuri-Park oder die Seilbahn innerhalb des Ethnografischen Museums, die
laufmüde Besucher in die höher gelegenen Regionen des großen
Ausstellungsareals bringen sollte. Bei den Anlagen war nur ein relativ
kurzes Leben beschieden, da die Auslastung eher gering war und die
Unterhaltung von Seilbahnen nicht eben billig ist. Während die Anlage im
Museum zum größten Teil demontiert ist, kann man die Bahn im Msiuri-Park
immerhin noch besichtigen – sobald allerdings Geld vorhanden ist, soll
auch sie abgebaut werden, da sie inzwischen eine Gefahr für die
Parkbesucher darstellt.
Eine weitere Anlage, die inzwischen
ebenfalls demontiert ist, diente jedoch hauptsächlich „echten"
Fahrgästen. Sie führte über die Kura und verband die beiden Stadtteile
Didube und Saburtalo an einer Stelle, an der es keine Brücke gab. Eine
Fähre hätte es sicherlich auch getan, aber zu beiden Seiten des Flusses
steigt das Gelände sofort steil an. Nach dem Brückenneubau in den
Achtzigern wurde diese Bahn nicht mehr benötigt und daher abgebaut. Im
Folgenden soll allerdings mehr von den noch oder hoffentlich bald wieder
funktionierenden Anlagen die Rede sein und dabei zunächst von den beiden
bedeutendsten Seilbahnen zum Berg „Mtazminda", dem mit 750 Metern
höchsten Berg im Stadtgebiet.
Standseilbahn zum „Mtazminda"
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| Die Talstation der
Standseilbahn (Anf. des 20. Jhs.) |
Der Standseilbahn gebührt schon deshalb
der erste Abschnitt, weil sie die älteste Anlage in Tbilissi ist: Bereits
am 27.03.1909 wurde sie in Betrieb genommen. Projektiert hatte sie der
belgische Ingenieur Alfons Roby, gebaut wurde sie größtenteils von einer
Schweizer Firma. Die untere Station befindet sich im Stadtteil Mtazminda
auf der Tschonkadsestraße. Von dort geht es über 503 Meter zur oberen
Station, die sich im Gebäude des ehemaligen Ausflugsrestaurants befindet
und dessen Charme sich trotz des ruinösen Zustandes noch erahnen lässt.
Der zu überwindende Neigungswinkel beträgt 30°. Genau in der Mitte der
Strecke befindet sich eine weitere Station am sogenannten „Pantheon"
und der Kirche des heiligen David. Dort begegnen sich auch die beiden
Wagen, die jeweils ca. 50 Personen Platz bieten. Es handelt sich dabei um
offene Kabinen. Immer wieder wurde die Bahn rekonstruiert, so 1936, als
auch die Stationen einer Kur unterzogen wurden, oder in den 70er Jahren,
als ein Teil der Gleise ausgewechselt wurde. Die technischen Anlagen
wurden allerdings bei den Rekonstruktionsarbeiten nur unbedeutend bedacht.
In den siebziger Jahren beispielsweise wurde außer der Reparatur der
Gleise lediglich das Seil gewechselt. Jedes Jahr gab es kleinere
Reparaturen – umfassend ist die Bahn allerdings nie rekonstruiert
worden. Darauf verweist die Seilbahnverwaltung auch schon seit dreißig
Jahren – mit dem Erfolg, dass 1978/79 eine Regierungsverordnung erlassen
wurde, die die Rekonstruktion dieser Seilbahn zum Inhalt hatte. Dieser
Verordnung sind allerdings bis heute keine Taten gefolgt. Und so ist am
21.07.2000 passiert, was wohl passieren musste: ein Unfall durch
Materialermüdung. Dadurch konnte die Bremse nicht mehr wirken und die
Bahnen sind in größerer Geschwindigkeit (1,6 – 1,7 m/s, normal sind
1,5 m/s) in die Stationen gerast. Glücklicherweise sind die Passagiere,
unter ihnen eine Gruppe japanischer Touristen, „nur" von den Sitzen
gefallen und es hat keine ernsthaften Verletzungen gegeben. Allerdings
lässt sich Materialermüdung einerseits berechnen und andererseits durch
regelmäßige Kontrollen und Messungen erkennen – ein Fakt, auf den die
Verantwortlichen der Seilbahnverwaltung im Gespräch mit der „Kaukasischen
Post" trotz mehrfachen Nachhakens nicht eingegangen sind und somit
keinerlei Schuld in der Arbeit ihrer Behörde sehen. Eine
Untersuchungskommission der georgischen Regierung sei zu dem gleichen
Ergebnis gekommen. Seit Juli 2000 ist die Standseilbahn zum Mtazminda
außer Betrieb. Das Auswechseln der verschlissenen Teile würde ca.25000
Lari kosten, eine schon seit langem fällige komplexe Rekonstruktion ca.
500000 bis 600000 Lari (eine relativ geringe Summe, wenn man sie mit
westeuropäischen Bahnen vergleicht). Aber weder die kleinere noch die
größere Summe konnten bisher aufgebracht werden. Unmittelbar nach dem
Unfall zeigten Schweizer Investoren Interesse an der Bahn – allerdings
lagen die Vorstellungen über den zukünftigen Fahrpreis bei mindestens
0,2 US$ (heute ca. 20 Cent oder 40 Tetri), was für die georgische Seite
unvorstellbar war. Wahrscheinlich konnte auch bei anderen Fragen keine
Einigung erzielt werden.
Dennoch ist die Seilbahnverwaltung
optimistisch, in ca. zwei Monaten das Geld von der Regierung bereit
gestellt zu bekommen. Große Optimisten sprechen sogar davon, dass die
Bahn zu Neujahr (aber welches?) wieder fahren soll.
Zur Bedeutung der Bahn sei Folgendes
angemerkt: Der Mtazminda-Berg ist ein beliebtes Ausflugsziel der Tifliser
und ihrer Gäste. Hochzeitsgesellschaften flanieren gern durch die
Grünanlagen. Außerdem befinden sich ganz in der Nähe der oberen Station
einige Karrussels und ähnliche Vergnügungen. (Zu Sowjetzeiten gab es
hier einen „richtigen" Vergnügungspark.) Gleichzeitig kann man
einen fantastischen Blick auf die Stadt genießen. Dazu kam bis Ende der
achtziger Jahre das bereits erwähnte Ausflugslokal. Seit 1957 ist der
Berg auch mit dem Auto erreichbar, 1958 wurde eine Schwebebahn direkt vom
Rustaweli eröffnet. Momentan befindet sich der Berg mit seinen Anlagen
und Möglichkeiten in einer Art Dornröschenschlaf und der Prinz, der ihn
daraus erwachen könnte, ist noch nicht erschienen. Gerüchten zufolge ist
ein amerikanisch-georgisches Konsortium namens „Tbilisi City",
welches in der Stadt an diversen Hotelprojekten beteiligt ist, am
Wiederaufbau des Ausflugsrestaurants interessiert – und damit auch an
einem stabilen Seilbahnbetrieb, zumal die obere Station der Bahn ein Teil
des Restaurantgebäudes ist. Vielleicht ist dieser „amerikanische
Prinz" mehr als ein Hoffnungsschimmer?
Schwebeseilbahn zum Mtazminda
Die Schwebeseilbahn Rustaweli (Stadtzentrum) – Mtazminda wurde von
georgischen Ingenieuren projektiert und am 18.10.1958 eröffnet. Georgien
war übrigens die erste Sowjetrepublik, in der derartige
Schwebebahnsysteme errichtet worden sind. In der Anfangszeit bildeten sich
teilweise Schlangen bis zum Rustaweli-Denkmal. Die Kabinen waren zunächst
für 25 Personen ausgelegt, wurden wegen des großen Andrangs aber 1970
gegen größere Kabinen (für 30 Personen) italienischer Produktion
ausgewechselt. Die Fahrt, auf der man einen fantastischen Blick auf die
Innenstadt sowie das andere Kura-Ufer hatte, dauerte 4,5 Minuten. Es
werden 930 m bewältigt. Die obere Station befindet sich nur einen
Katzensprung von der Standseilbahn entfernt und existiert (etwas
verfallen) auch heute noch. Die untere Station hinter dem Gebäude der
Akademie der Wissenschaften und dem Touristen-„Kunstmarkt" auf dem
Rustaweli beherbergt heute unter anderem die Seilbahnverwaltung, während
die ehemaligen Abfahrtsrampen als Lager des Bildermarktes dienen. Das
Gebäude ist unbedingt sehenswert, vor allem die witzig angeordneten Auf-
und Abgänge im Inneren.
Die Vergangenheitsform der Verben ist dem
geneigten Leser gewiss bereits aufgefallen – auch von dieser Seilbahn
gilt es von einem Unfall und der sich anschließenden Stilllegung zu
berichten. Der Unfall passierte am 1.Juni 1990 zwischen 12.00 und 13.00
Uhr: Das Seil riss und eine Kabine stürzte mit 19 Menschen an Bord in die
Tiefe. Keiner überlebte den Absturz. Die Opfer waren vor allem Kinder und
Jugendliche, die zum „Tag des Kindes" einen Ausflug auf den
Mtazminda unternommen hatten. Die damalige Regierung setzte eine
Untersuchungskommission ein, doch die Ursachen des Absturzes sind bis
heute ungeklärt. Kurze Zeit darauf, im November 1990, kam es durch Wahlen
zu einem Machtwechsel. Der neue Präsident Gamsachurdia löste als eine
seiner ersten Amtshandlungen alle Untersuchungskommissionen des alten
Regimes auf, wohl weil er vor allem politisch motivierte Untersuchungen
stoppen wollte. Dieses Dekret aber auf alle Kommissionen auszudehnen war
eine der zahlreichen Ungeschicktheiten seiner kurzen politischen Laufbahn,
die u.a. dazu führen wird, dass derartige dramatische Ereignisse nie
aufgeklärt und Verantwortliche nicht zur Rechenschaft gezogen werden
können. Dafür schossen bald darauf alle möglichen Vermutungen ins
Kraut, u.a. die, dass Sabotage die Ursache gewesen sein soll. Angeblich
sollen bei einer kleineren Revision 1989 einige technische Parameter
(Geschwindigkeit, Fallhöhe) verändert worden sein. Wer allerdings hinter
dem vermuteten Sabotageakt stecken soll, konnte auch die (damals
allerdings nicht im Amt gewesene) Seilbahnverwaltung nicht erhellen.
Seit elf Jahren ruht nun der Betrieb,
das gerissene Seil hängt, sozusagen als Mahnung, immer noch in der
Landschaft. Es gibt aber Pläne, diese wohl wichtigste Tifliser Seilbahn
wieder in Betrieb zu nehmen. Das schon erwähnte amerikanische Konsortium
hat ein Projekt vorgeschlagen, bei dem es sich mit 49% und die
Stadtverwaltung mit 51% beteiligen will. Die „Aktien" der
Stadtverwaltung würden sich auf die Seilbahnverwaltung, die
Parkverwaltung und den Restaurantbetrieb aufteilen. Angeblich sei schon
weitgehend Einigung erzielt worden. Lediglich die exakte Aufteilung der
Anteile der Stadtverwaltung ist strittig und liegt seit zwei Jahren zur
Entscheidung vor Gericht… Nach dem Gerichtsbeschluss würde die
Realisierung des schon laufenden Projektes in nicht mehr als ein bis zwei
Jahren erfolgen können, so der Seilbahndirektor.
Schwebebahnzum Lisi-See
Auch diese 1112m lange Bahn, eröffnet am 03.08.1978, existiert nicht
mehr. Sie wurde bis zum 19.Mai 1994 rekonstruiert und sollte einen Tag
später eröffnet werden. Eine Bombe, die einen Teil der Anlage
zerstörte, verhinderte das – auch diese Tat wurde nie aufgeklärt (wie
sich die Geschichten gleichen…). Und auch hier gibt es einige Thesen,
wer hinter diesem Anschlag gesteckt haben könnte: Entweder Flüchtlinge
aus Abchasien (warum?). Oder die Marschrutkafahrer, die während der
Rekonstruktion die Beförderung übernommen hatten und mit der
Wiederinbetriebnahme ihre Einnahmequelle verloren hätten. Oder aber
einfach Kriminelle. Und noch eine Gemeinsamkeit mit den anderen
stillgelegten Bahnen: Auch für diese Bahn gab es ein Projekt. Mit Hilfe
des Stadtentwicklungsfonds der Weltbank hoffte man, diese Bahn wieder
fahrtüchtig machen zu können. Bisher ist dieses Projekt allerdings nicht
berücksichtigt worden. Aber auch Investoren werden gesucht. Die
Ausgangslage ist jedoch denkbar ungünstig. Am Lisi-See befindet sich
lediglich ein Krankenhaus, welches für die Bahn nicht genügend Einnahmen
verspricht. Zudem sind der Wasserspiegel des Sees niedrig (Gärten in der
Umgebung!) und das Wasser verschmutzt – auch der See ist also nicht
wirklich ein lohnenswertes Ziel für die Bürger Tbilissis. Ohne die
Entwicklung des gesamten Gebietes rund um den See (auch hier würden
Kosten von über 500000 Lari anfallen) erscheint ein Wiederaufbau der Bahn
wenig sinnvoll, von einem wirtschaftlichen Betrieb ganz zu schweigen.
Weitere Schwebeseilbahnen
Drei Bahnen sind heute noch in Betrieb: Die wichtigste
von ihnen ist die Schwebebahn vom Wake-Park zum Schildkrötensee. Die
Anlage wurde am 1.Mai 1966, ihre Streckenlänge beträgt 1175 Meter. Sie
dient ausschließlich dem Ausflugsverkehr zum Schildkrötensee und
verkehrt von Mai – Oktober von 11.00 Uhr bis in die Nacht, so lange es
Fahrgäste gibt. Im Winter ruht der Verkehr. Eine Fahrt kostet 40 Tetri.
Die kleinen Seilbahnkabinen bieten nur ca. acht Leuten Platz.
Eine weitere Schwebebahn verbindet
Samgori mit dem Plattenbaugebiet Wasisubani im Südwesten der Stadt. Sie
ist die jüngste Bergbahn der Stadt, eröffnet am 1.Mai 1986. Diese Bahn
(Länge: 820m) erfüllt eine „echte" Beförderungsaufgabe für das
große, auf einer Hügelkette gelegene Wohngebiet Wasisubani. Sie fährt,
wenn es Strom gibt, täglich von 7.00 bis 21.00 Uhr, für den Winter
gelten kürzere Einsatzzeiten.
Die dritte Bahn, sie besteht seit dem
01.01.1983, befindet sich ebenfalls weit außerhalb des Zentrums und
verbindet das Unigelände im Stadtteil Delisi mit dem Studentenwohnheim in
Bagebi. Heute leben in den Wohnheimen hauptsächlich Flüchtlinge aus
Abchasien, die kostenlos befördert werden. Die Stadt soll der
Seilbahnverwaltung 2001 für die kostenlose Beförderung ca. 130000 Lari
überweisen, bisher sind allerdings lediglich 35000 Lari angekommen –
ein Grund dafür, dass viele der 138 Mitarbeiter (!!) im Zwangsurlaub sind
(tatsächlich arbeiten derzeit ca. 60 Mitarbeiter, ein Seilbahnfahrer
verdient monatlich etwa 65 Lari = 70 DM). Studenten und Professoren
bezahlen 15 Tetri für die sehr kurze Fahrt (334 Meter) über ein Tal,
welches wie eine riesige Baugrube wirkt. Die Schwebebahn Delisi – Bagebi
ist montags bis samstags von 8.30 – 17.30 Uhr im Einsatz, sonntags ruht
der Verkehr.
Über die Sicherheit der drei noch im
Betrieb befindlichen Seilbahnen kann an dieser Stelle nichts gesagt
werden. Laut Seilbahnverwaltung finden jährlich im Frühjahr für
ungefähr einen Monat Revisionsarbeiten statt. Allerdings geben die
Seilbahnunglücke der letzten Jahre doch arg zu denken – Seilbahnen
gelten statistisch als sicherste Verkehrsmittel der Welt. Natürlich
ereignen sich auch Seilbahnunfälle in westeuropäischen Ländern (siehe
Österreich Anfang des Jahres). Allerdings sind dort zumindest die
Ursachen und die Verantwortlichen benannt und (hoffentlich) entsprechende
Konsequenzen gezogen worden. Anders in Georgien – Untersuchungen wurden
abgebrochen bzw. kamen zu dem Ergebnis, dass niemand verantwortlich ist.
Man wird das Gefühl nicht ganz los, dass das Motto lautet: „Wir fahren
eben so lange, bis es nicht mehr geht oder bis was passiert."
Erwähnt werden sollen noch weiter
gehende Planungen für die Zukunft, die allerdings derzeit keinerlei
Chance auf Realisierung haben. Da das Relief der Stadt geradezu ideal für
Bergseilbahnen ist, kann man sich diese an folgenden Orten innerhalb des
Stadtgebiets vorstellen:
l vom Mtazminda-Berg zum Schildkrötensee
l zum
Nuzubidse-Plateau
l zum
Lotkinberg
l zum
Tbilisser Meer
l von Bagebi
in den Nobelvorort Zchneti
Hoffen wir einstweilen, dass es keine weiteren Negativmeldungen von den
Tifliser Seilbahnen geben wird und dass wir vielleicht bald von
Rekonstruktionsarbeiten an den beiden Mtazminda-Seilbahnen berichten
können.
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