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Erwachsenenbildung im Kaukasus
Artikel zum IIZ/DVV-Projekt
"Erwachsenenbildung im Kaukasus"
Der Bildungssektor erhält größere
Unterstützung von Deutschland
Ludmila Klotz
Leiterin des IIZ/DVV-Projektbüros Tbilissi
Seit Mitte Januar
2002 hat das Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen
Volkshochschulverbandes (IIZ/DVV), das in Bonn angesiedelt ist, ein neues
Projektbüro Kaukasus in Tbilissi eröffnet. Das Ziel der Projektarbeit
ist die Förderung der Erwachsenenbildung in der Region Südkaukasus. Das
Institut für Internationale Zusammenarbeit unterstützt seit über 30
Jahren die Konzeption und Durchführung von Programmen der
Erwachsenenbildung in zahlreichen Partnerländern, fördert die
Kooperation der deutschen mit der internationalen Erwachsenenbildung und
den Austausch von Informationen und Erfahrung auf diesem Gebiet.
Erwachsenenbildung ist in allen
europäischen Ländern faktisch der vierte Sektor des Bildungssystems
neben den drei anderen Sektoren allgemeinbildende Schulen, Berufsschulen
und Hochschulen. Das Kurs- und Lehrangebot im Sektor der
Erwachsenenbildung, der weniger staatlich reguliert ist und sich vielmehr
nach der Nachfrage seitens der Bevölkerung richtet, ist sehr breit
gefächert. Es umfaßt allgemeine, kulturelle, politische, aber auch
berufliche Bildung und reicht von Kursen zur Alphabetisierung über
Hobbykurse bis hin zu international anerkannten Abschlüssen in bestimmten
Fertigkeiten oder Qualifizierungen. Interessant ist die Tatsache, daß die
Nachfrage nach Bildungsangeboten bei Erwachsenen umso höher ist, je
höher das Wirtschafts- und Sozialsystem eines Landes entwickelt ist.
Entsprechend vielfältig ist dort auch der Erwachsenenbildungs-"Markt".
In der Sowjetunion gab es ein
Netz an Erwachsenenbildungseinrichtungen, von denen die Gesellschaft „Znanie"
(in Georgien: „Tsodna") die größte war. Die formale wie
inhaltliche Ausrichtung dieser Institutionen war aber ziemlich
ideologisiert, die angebotenen Kurse orientierten sich kaum an den
Bedürfnissen der Bevölkerung. Deshalb bestehen sie heute auch nicht
mehr, zumindest nicht mehr in ihrer damaligen Funktion. Mit den
Veränderungen im politischen und wirtschaftlichen Leben der unabhängig
gewordenen Staaten entstanden sehr viele Probleme, von denen eines der
größten die Arbeitslosigkeit ist. Mit dem neuen Wirtschaftssystem, aber
auch den vielen neuen Technologien und Werkmaterialien haben sich die
Anforderungen des Arbeitsmarkts an Arbeitskräfte und Fachleute in beinahe
allen Berufsfeldern, auch den akademischen, stark verändert. Der Bedarf
an Anpassung der in der Vergangenheit erworbenen Qualifikationen und damit
an Weiterbildung oder Umqualifizierung zu neuen Tätigkeitsfeldern ist
deshalb sehr hoch. Damit ist auch eine Nachfrage an Kursen für Erwachsene
entstanden, und wo es eine Nachfrage gibt, gibt es irgendwann auch ein
Angebot. So entwickelt sich auch in den sog. Transformationsländern, zu
denen auch Georgien gehört, allmählich ein Markt der Erwachsenenbildung,
auch wenn der Begriff Erwachsenenbildung im europäischen Sinne bisher
kaum bekannt ist.
Genau hier setzt nun die
Tätigkeit des Instituts für Internationale Zusammenarbeit an. Ziel der
Projektarbeit ist es, diejenigen Institutionen zu unterstützen, die im
Bereich der Erwachsenenbildung tätig sind oder werden können, und so bei
der Entwicklung der Strukturen in diesem Bildungssektor zu helfen. Es geht
nicht darum, dass die Deutschen hier selbst Kurse für Erwachsene
anbieten, sondern um die Stärkung der örtlichen Einrichtungen, damit sie
in die Lage versetzt werden, dem Bedarf an Weiterbildung und
Qualifizierung zu entsprechen und das Kursangebot zu erweitern bzw. auch
für die armen Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen, die nicht
dafür zahlen können.
Aus arbeitsmarktpolitischen und
sozialen Gründen werden dabei aus dem breiten Spektrum der
Erwachsenenbildung die berufliche Weiterbildung und Umschulung Vorrang
haben gegenüber der allgemeinen, kulturellen oder politischen Bildung.
Konkret werden zunächst ca. 10 staatliche Berufsschulen im ganzen Land
identifiziert, in denen zusätzliche Kurse zur beruflichen Qualifizierung
Erwachsener durchgeführt werden können. Für einige ausgewählte
Fachrichtungen, darunter Landwirtschaft, Kfz-Reparatur, Bauhandwerk,
Bürofachkräfte, kaufmännisches Basiswissen, unternehmerische
Grundkompetenzen (die beiden letzteren als Querschnittsqualifikationen,
die in verschiedenen Berufsbildern angewendet werden können), werden in
Zusammenarbeit mit Experten Standards erarbeitet, Curricula für
kurzzeitige Kurse (3-10 Monate) erstellt und die Lehrer fortgebildet. Nach
der Durchführung von Modellkursen werden die Curricula dann in
ausgewählten Berufsschulen in die Praxis umgesetzt. Flankiert werden
diese inhaltlichen Maßnahmen durch Materialhilfen und technische
Ausstattung einzelner Einrichtungen (nach deren Bedarf und unseren
finanziellen Möglichkeiten).
Parallel zu diesem Schwerpunkt
will das Projektbüro des IIZ/DVV eine Sektorstudie zur Erwachsenenbildung
durchführen. Dabei werden einerseits die heute aktiven Träger der
Erwachsenenbildung – staatliche Einrichtungen ebenso wie private und NRO
– erfaßt und analysiert, andererseits Daten zur Situation und dem
Bedarf auf dem Arbeitsmarkt gesammelt. Einen wichtigen Stellenwert in der
Projektarbeit wird auch die Lobby- und PR-Arbeit für die Belange der
Erwachsenenbildung einnehmen. Das Ziel dabei ist, sowohl gegenüber den
Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft als auch in der breiten
Öffentlichkeit das Bewußtsein für die Bedeutung der Erwachsenenbildung
zu schärfen. Publikationen zu den Themenbereichen Erwachsenenbildung und
lebensbegleitendes Lernen (englisch: life long learning, abgekürzt: LLL)
werden die Arbeit ergänzen. Schließlich sollten durch Unterstützung
ausgewählter Nichtregierungsorganisationen auch einzelne Maßnahmen im
zivilgesellschaftlichen Bereich gefördert werden.
Die Aktivitäten des IIZ/DVV
werden sich auf alle drei südkaukasischen Länder Armenien, Aserbaidschan
und Georgien erstrecken, wenn auch die ersten Pilotprojekte
schwerpunktmäßig in Georgien durchgeführt werden. Hintergrund der
Gründung des Projektbüros ist die sog. Kaukasus-Initiative des Deutschen
Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(BMZ). Nach ihrer Rückkehr von einer Reise durch drei südkaukasischen
Länder im März 2001 stellte die Bundesministerin Frau Wieczorek-Zeul ein
Programm zur Stärkung der regionalen Kooperation in dieser Region
zusammen. Mit dieser Initiative will Deutschland zu mehr Stabilität in
der krisengeschüttelten Region beitragen. |