"Der Humor kann einen Menschen tatsächlich retten"

Interview mit Nana Djordjadse

Interview geführt von Dr. Diana Maglakelidse
Oktober 2001

    Dr. Diana Maglakelidse: Nana, Sie gehören zu der ersten Generation georgischer Regisseure, die an der Tbilisser Hochschule für Theater und Film ausgebildet wurden. Was unterscheidet Ihrer Meinung nach Ihre Generation von früheren Generationen georgischer Cinéasten, die ihre Filmlehrer an der Hochschule waren?
    Nana Djordjadse:Meine Filmlehrer an der Hochschule sind Tengis Abuladse und Irakli Kvirikadse, Vertreter der älteren und mittleren Generationen des georgischen Autorenfilms gewesen. Von einem Unterschied meiner Generation zu den früheren Generationen zu sprechen fällt mir etwas schwer. Vielleicht ergibt ein Unterschied, bei der Auswahl des Filmstoffes, meine Generation hat sich schon Anfang an für andere Filmthemen interessiert.
    D.M.: Ihre Generation hat mit der Darstellung der tabuisierten sozialen Schichten der georgischen Gesellschaft angefangen
    N.Dj.: Das stimmt, auch mein erster Film erzählte die Geschichte von drei Straßenmusikern, die durch die Stadt wanderten und in Innenhöfen von Tbilissi ihre Musik spielten. Der Film basierte auf meinen Kindheitserinnerungen, ich kannte diese Musiker aus meiner Kindheit. Mein nächster Studentenfilm Atlantis handelte von den Menschen und ihren Pflichten. Jeder von uns erfüllt eine gewisse, nur für sich bestimmte Rolle in dieser Welt. Ich denke mir, jeder Mensch, jeder Einzelne von uns selber rausfinden sollte, für welche Rolle man bestimmt ist. Atlantis stellte sich als ein tragikomischer Film heraus, stilistisch gedreht in der Tradition der früheren georgischen Filme.
    Auch mein Diplomfilm Reise Nach Sopot erzählte von zwei Obdachlosen und Außenseitern. Ich habe durch diesen Film versucht, die innere Welt dieser Menschen, der Außenseiter offen zulegen, von ihren Interessen und Hoffnungen zu erzählen. Die beiden sind die Häftlinge des unfreien sozialen Regimes geworden und sind nicht mehr in der Lage ihr Leben zu verändern, die Hoffnung der Beiden auf ein besseres Leben, auf die Freiheit ist eben ausgeträumt.
    D.M.: Mich würde interessieren, woher Ihr Interesse und allgemein das Interesse Ihrer Generation für Außenseiter kam. Das Thema des Außenseiters ist im georgischen Film, soweit ich mich erinnern kann, vorher kaum bearbeitet worden. Die einzige Filmfigur, die mir ähnlich vorkommt, ist Sosana aus Merab Kokotschaschwilis Film "Das große, grüne Tal," der sich in seiner sozialen Umgebung fremd fühlt und in seine eigene Welt flüchtet. Meiner Meinung nach existierten im georgischen Filmeben immer wieder Rebellen, die Widerstand gegenüber der Mehrheit leisteten, aber kaum Außenseiter im Sinne von Asozialen. Die Existenz dieser Menschen, die immer unter uns lebten, hat der Film ihrer Generation für die Öffentlichkeit entdeckt. Früher verschwieg man die Existenz der Asozialen in unserer Gesellschaft, sie gehörte sozusagen zu den tabuisierten Themen
    N.Dj.: Ich denke mir, auch die Filme von Irakli Kvirikadse Die Stadt Anara 1975 und Schwimmer 1980 handeln von Außenseitern. Ich kann nicht genau sagen, woher mein Interesse für Außenseiter gekommen ist. Sie repräsentieren für mich eine geheimnisvolle Welt, die mich als Kind faszinierte. Als kleines Mädchen habe ich auf die wandernden Musiker gewartet. Trotz meiner Zugehörigkeit einer anderen sozialen Schicht, vielleicht eben dadurch, fühlte ich mich zu diesen Menschen hingezogen. Ich habe innerlich ihre Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit gefühlt und wollte diesen Menschen, die ihre Hoffnung aufgegeben hatten, beistehen, helfen.
    D.M.: Denken Sie, dass ihre Filmfiguren aus Ihrem Unterbewusstsein kommen ?
    N.Dj.: Auf jeden Fall. Ich bin keine Analytikerin, eher würde ich mich als eine emotionale Person bezeichnen, deren Filmfiguren tatsächlich aus eigenen Unterbewusstsein kommen. Ich bin durch Bedürfnis, dem Zuschauer von diesen Menschen zu erzählen, geprägt gewesen. Ich wollte das Menschliche, Seelische in diesen Menschen ans Licht bringen, wollte unbedingt, dass auch der Zuschauer diese Menschen für sich entdeckt.
    Seit Reise nach Sopot 1980 ist Irakli Kvirikadse1 der Drehbuchautor aller meiner Filme. Seine Filmfiguren sind eben diese Außenseiter, unglückliche Menschen, Menschen mit tragischen Schicksalen. Ich versuche in diesen Menschen, in ihren tragischen Geschichten etwas Optimistisches zu finden, versuche, die Geschichten von diesen Menschen mit Humor zu erzählen, weil ich der Ansicht bin, wer lachen kann, der vermag auch alles Bevorstehende, wie schwierig es auch sein mag, zu überwinden. Nach meiner Überzeugung, kann der Humor einen Menschen tatsächlich retten. Ich ironisiere mich selber auch, weil mir der Humor das Leben erleichtert.
    D.M.: Auch ihre weiblichen Figuren zeichnen sich durch Aktivität und Gefühl für Humor aus.Den georgischen Film würde ich eher als "Männerfilm" definieren, ich meine damit, dass Frauenthemen in dieser Filmkultur nur Themen der weiblichen Regisseure gewesen sind. Ihre Frauen leben am Anfang des letzten Jahrhunderts, einer Epoche der politischen Kataklysmen, und führen ein intensives, extraordinäres Frauenleben. Ihr Film "Robinsoniada oder mein englischer Großvater" 1989 basiert auf einer authentischen Geschichte. Vielleicht könnten Sie etwas über die alte Dame aus dem Film Tiko Watschnadse erzählen?
    N.Dj.: Tiko Watschnadse ist eine außergewöhnlich interessante Persönlichkeit gewesen. Ich habe sie zufälligerweise bei der Suche nach Schauplätzen in Kachetien kennen gelernt. Mein Kameramann Lewan Paataschwili und ich haben sie in einem Dorf entdeckt. Eine alte, blinde Frau, die sich am Schweif ihrer Kuh festhielt. Ihre riesigen, meerblauen Augen wirkten trotz Blindheit unglaublich lebendig. Ich habe die alte Dame um Erlaubnis gebeten und gefragt, ob sie in meinem Film mitzuspielen wünsche, und dann habe ich sie einen Tag lang gefilmt. Damals war Tiko Watschnadse 96 Jahre alt. Ich habe beim Gespräch mit ihr herausgefunden, dass sie meine Verwandte väterlicherseits war. Bei den Dreharbeiten hat sie über ihr Leben erzählt. Sie lebte alleine, besaß eine riesige Bibliothek und beherrschte die deutsche und die französische Sprache perfekt. Alle ihre Familienangehörigen wurden nach der Sowjetisierung Georgiens umgebracht, sie überlebte durch Emigration, lebte zuerst in Berlin, dann in Paris. Nach ihrer Heimkehr wurde sie ins Konzentrationslager geschickt. Sie kannte viele georgische Intellektuelle der damaligen Zeit, hat viel von Grigol Robakidse2 erzählt. Als ich dann zum zweiten Mal nach Kachetien gefahren bin, um sie weiter zu filmen, lebte Tiko Watschnadse nicht mehr.
    Übrigens habe ich damals mein schon festes Drehbuch geändert und den Film ihrer Biographie angeglichen.
    Ich denke mir, georgische Frauen sind, wenn ich an unsere Geschichte zurückdenke, immer ein aktiver Teil der Öffentlichkeit gewesen.
    D.M.: Gewiss, da die Männer permanent auf dem Schlachtfeld waren, mussten sie auch aktiv sein
    N.Dj.: Ja, die Frauen mussten wegen der politischen Umstände viel Verantwortung auf sich nehmen. Sie hüteten das Haus und ihre Kinder mit dem Glauben, dass sie ihre Heimat und Sprache beschützen müssten. Außerdem beteiligten sie sich aktiv am politischen Leben.
    D.M.: Würden Sie behaupten, dass ihre Filme einen Stereotyp der georgischen Frau darstellen?
    N.Dj.: Vielleicht, meine weiblichen Protagonisten sind die Frauen, die mich faszinieren. Georgische Frauen sind unterschiedlich, auch meinen Filmfiguren unterscheiden sich. Die Protagonistin in meinem Robinsoniada oder mein englischer Großvater ist anders als Fürstin Cecilia Abaschidse aus dem 1001 Rezepte eines verliebten Kochs, auch Sybilla, die junge Hauptfigur meines letzen Filmes 27 Missing Kisses ist ganz anders. Die Charaktere meiner Filmfiguren sind von den Filmsujets abhängig, auch ihr Äußeres.
    Mir persönlich gefallen Frauen, die andere Menschen nicht besonders attraktiv finden, Frauen mit ausdrucksvollen Augen, und lebendigen sensiblen Gesichtszügen. Es gibt verschiedene Schönheitsmerkmale an Frauen. Ich suche immer nach Frauentypen, die man nicht so leicht vergisst, die man nicht mit anderen verwechselt. Es gibt viele schöne Frauen, die so gewöhnlich sind, dass man sie leicht vergisst.
    D.M.: Nana, Sie ähneln mir Ihren weiblichen Figuren. Mich würde interessieren, ob Sie sich mit ihren Figuren tatsächlich identifizieren?
    N.Dj.: Doch, ich identifiziere mich mit meinen Filmfiguren. Ich erzähle immer von mir ausgehend Geschichten. Jede meiner Figuren ist ein Teil meiner inneren Welt, meiner Ansichten, meiner Gefühle. Manche kommen aus meiner Fantasie, aber auch die Fantasie ist ja ein Teil meiner Welt. Jede meiner Filmfiguren stellt, als Transformation meiner Wahrnehmung der Welt, einen untrennbaren Teil meiner Realität dar. Jeder von uns besitzt eine eigene Wahrnehmung der Realität, gleiche Ereignisse empfinden Menschen unterschiedlich. Wenn ich manchmal über etwas erzähle, was auch andere Menschen miterlebt haben, erkennen sie das gleiche Ereignis nicht wieder, weil unsere Wahrnehmungen normalerweise verschieden sind.
    D.M.: In Ihren Filmen "Robinsoniada" und "1001 Rezepte eines verliebten Kochs", die in verschiedenen Zeitebenen spielen, ist die Rückbesinnung auf die Vergangenheit, auch auf die zerstörten Verhältnisse mit westeuropäischen Ländern aufgrund der Sowjetisierung Georgiens spürbar
    N.Dj.: Ich bin überzeugt, dass ohne Vergangenheit es keine Gegenwart und auch keine Zukunft gibt. Jedes Volk muss wissen, woher es kommt, welche Verhältnisse es zu anderen Weltkulturen hatte. Die Geschichte meines Landes, seine Vergangenheit interessiert mich eben besonders, deshalb versuche ich in meinen Filmen, die Geschichte meines Volkes aufzuzeigen. Ich analysiere die Vergangenheit in meinen Filmen niemals, ich versuche nur, unsere zerstörten Verbindungen zu beschreiben und zu zeigen, was uns Anfang des letzten Jahrhunderts bewegte, welches intellektuelle Niveau wir besaßen.
    Wegen seiner geographischen Lage hatte unser Land enge Verbindungen zu verschiedenen Weltkulturen. In verschiedenen Epochen unserer Geschichte verbanden uns enge Beziehungen mit westlichen Ländern. Das Verhältnis zu östlichen mächtigen Ländern, die der Selbstständigkeit in Sprache und Kultur unseres Landes drohten, war elastisch und kompliziert. Durch Diplomatie gelang es dem Land, seine eigene Kultur, Sprache und Religion zu bewahren. Unsere ganze Geschichte stellt sich als ein permanenter Kampf für Freiheit und Selbstständigkeit dar. In meiner Generation ist das Interesse für die Geschichte, für die eigenen Wurzeln, besonders präsent gewesen.
    D.M.: In beiden Filmen wird sowjetische Macht als kulturzerstörende Kraft dargestellt
    N.Dj.: Jede Revolution an sich ist zerstörerisch, die Sowjetisierung Georgiens war eine Okkupation und wirkte sich dadurch besonders zerstörerisch aus. Sie richtete sich gezielt gegen die intellektuellen Schichten und zerstörte damit das historische Gedächtnis des Volkes. Die Sowjetisierung des Landes schädigte in erster Linie unser kulturelles Niveau. Hinter dieser an sich interessant erscheinenden Ideologie verbargen sich dunkle, negative moralische Ansichten, die unsere Kultur gezielt zerstörten. Für diese Ideologie stellten Freiheit und Moral nur leere, plakative Losungsworte dar.
    D.M.: Ihre revolutionären Filmfiguren wirken trotzdem ziemlich raffiniert
    N.Dj.: Aber klar, Revolutionäre waren doch gebildete Menschen, nach Macht strebende Intellektuelle. Vielleicht glaubten sie an die revolutionären Ideen, strebten nach dem neuen Leben, aber sie setzten ihre Ideale mit Blut und Gewalt durch.
    Auch Ilja Tschawtschawadse glaubte an die Ideale der Freiheit und Unabhängigkeit. Für die Verwirklichung seiner Ideen zog er sich als Schriftsteller zurück, gründete eine Bank und beschäftigte sich mit Politik. Tschawtschawadse stellte sich die Zukunft Georgiens völlig anders vor als Revolutionäre, als Bolschewiki, genau deshalb wurde er 1907 von denen umgebracht. Wir Georgier sind ein merkwürdiges Volk, das die guten Ideen leicht vergisst, und sich an alles adaptiert. Ein Grund dafür kann auch unsere artistische, emotionale Natur sein. Wir sind doch eher emotional als analytisch.
    D.M.: Deswegen ist das Schicksal der Analytiker in diesem Land immer tragisch gewesen. Sie haben Ilja Tschawtschawadse erwähnt, der am Anfang des letzten Jahrhunderts ermordet wurde. Aber auch in unserer Zeit, vor wenigen Jahren starb Merab Mamardaschwili, der sich auch eine ganz andere Zukunft, einen anderen zivilisierten politischen Weg für Georgien wünschte, und der den Nationalismus und die Begrenztheit der politischen Aktivisten Georgiens scharf kritisierte.
    N.Dj.: Merab Mamardaschwili ist auch ein Opfer der Revolutionäre unserer Zeit geworden. Der gewalttätige Tod solcher Personen wie Mamardaschwili ist für so ein kleines Land wie Georgien ein riesiger Verlust.
    D.M.: Als Refrain wird in Ihrem Film "Robinsoniada" von einem Lied nach Ilja Tschawschawadses Gedicht "Mein liebes Land" begleitet. Das Lied wirkt im Film als eine Allegorie und offenbart meines Erachtens Ihr Verhältnis zu den im Film dargestellten Ereignissen
    N.Dj.: Wegen des Gedichts und des Archivmaterials aus den 20er-Jahre wurde der Film damals nicht freigegeben. Die Filmbehörden von GOSKINO und auch die georgische Filmzensur verlangte von mir zwei Kompromisse. Ich sollte das Gedicht von Ilja Tschawtschawadse und das Archivmaterial aus meinem Film herausschneiden. Meine Grundthese gegenüber den Filmbehörden war, dass das Gedicht von einem Literaturklassiker kommt, man lernt es in der Mittelschule, und ich als Filmregisseurin es daher auch für meinen Film nutzen könnte. Was das Archivmaterial betrifft, das musste ich leider aus dem Film rausschneiden, was ich bis heute bitter bereue, damals hatte ich aber leider keine andere Alternative. Trotz dieser Maßnahme, wollte man den Film auch weiter nicht freigeben, bis dann ein zufällig im GOSKINO anwesender Vertreter des Filmfestival Cannes den Film gesehen hat. Er hat den Film für Cannes angenommen. In Cannes wurde der Film mit der Camera d‚Or ausgezeichnet und dadurch gerettet, erst danach wurde er freigegeben.
    D.M.: Nana, könnten Sie vielleicht auch über "Schwimmer" von Irakli Kvirikadse erzählen, auch der wurde von der Filmzensur stark verstümmelt
    N.Dj.: Ich war zusammen mit Irakli im GOSKINO, als er seinen fertiggestellten Film abgeben wollte. Die Diskussion im Saal über den Film war ein psychologisches Ereignis an sich. Alle von den Filmbehörden setzten sich auf hohe Stühle, nur Irakli bekam einen sehr niedrigen Sessel. Der Vorsitzende von GOSKINO erklärte nach der Vorführung: Diesen Film muss man zusammen mit seinem Regisseur verbrennen. Nach diesen Worten wagte keiner der Mitarbeiter sich über den Film zu äußern. Dann wurden lange Szenen aus dem Film, zirka 40 Minuten rausgeschnitten. Zum Glück ist es uns damals gelungen, die rausgenommenen Szenen des Films von GOSKINO-Archiv zu klauen. Wir haben das geklaute Filmmaterial heimlich nach Hause in Tbilissi mitgenommen. Dann lag dieses Material sieben jahrelang in unserem Kühlschrank. Erst nach sieben Jahren rekonstruierten wir die ursprüngliche Fassung des Films. In Kinos ist aber nur die verstümmelte Fassung des Filmes gelaufen.
    D.M.: Was wurde von den Filmbehörden als besonders gefährlich in diesem Film angesehen?
    N. Dj.: Schwimmer ist der erste Film in der sowjetischen Filmgeschichte gewesen, der die junge Geschichte des Landes zurück ins Gedächtnis rief und die Leidenschaften und Tragödien der damaligen Zeit aufzeigte. Außerdem setzte er sich mit dem Jahr 1937 d.h. mit den Repressionen und Säuberungsmaßnahmen unter Stalin auseinander.
    D.M.: Hat vielleicht auch die Andeutungen über das Thema der genetischen Degradation eine Rolle gespielt
    N. Dj.: Natürlich, der Film erzählte, wie sich nachkommende Generationen degradierten. Die dritte Novelle des Films, die von der Gegenwart handelte, wurde ganz rausgenommen, aber auch die Hälfte von der Terrorperiode.
    D.M.: Die Andeutung der genetischen Degradation ist auch in seinem früheren Film "Die Stadt Anara" spürbar. Dieser im Genre der Tragikomödie gedrehte Film erzählt doch die Geschichte eines Mannes, der nicht in der Lage ist, die Taten der Väter fortzusetzen
    N. Dj.:Ja, die Geschichte wurde als Allegorie dargestellt, ganz in der Tradition damaliger georgischer Filme. Irakli erzählte die traurige Geschichte seiner Filmfigur aber sehr optimistisch, mit viel Humor.
    D.M.: In der georgischen Filmkritik wurde Irakli Kvirikadse als der Regisseur des Retrostils anerkannt. Mich würde interessieren, was bewegte den Regisseur, war es das passende ästhetische Mittel für die Darstellung der jüngsten Vergangenheit Georgiens?
    N.Dj.: Das auch, außerdem experimentiert Irakli immer sehr gerne, ist gerne auf die Suche nach neuen Ausdrucksformen. Die Charaktere seiner Filmfiguren sind immer stark durch seine Wahrnehmung der Welt, durch seine Wurzeln geprägt. Auch heute noch, obwohl er schon seit Jahren für ausländische Produzenten arbeitet.
    D.M.: Würden Sie sagen, dass Ihre durch ausländische Produzenten fertiggestellten Filme im Ausland eine georgische Wahrnehmung der Dinge oder georgische Kultur repräsentieren?
    N.Dj.: Wir beide sind Georgier, die keine Möglichkeit mehr haben sich im georgischen Film zu verwirklichen. Wir beide arbeiten für westliche Produzenten und bleiben durch unsere Wahrnehmung, durch unsere Abstammung Repräsentanten unserer Kultur. Durch unsere Arbeit im Ausland versuchen wir unsere Wurzeln, Geschichte und Kultur zum Ausdruck zu bringen und dem Zuschauer unsere Wahrnehmung der Welt zu vermitteln. Das Problem ist nur, dass nicht alle Zuschauerschichten sich für unsere Filme interessieren.
    D.M.: Der verliebte Koch in Ihrem Film "1001 Rezepte eines verliebten Kochs" sagt einen für mich sehr interessanten Satz. Auf die Bitte seiner Geliebten Cecilia hin, die vorschlägt, wegen der Bolschewiken aus Georgien wegzugehen, antwortet der Koch: Die Kommunisten werden gehen, aber die gute Küche wird immer bleiben. Offenbaren diese Worte Ihres Protagonisten ihre Wahrnehmung der politischen Kataklysmen?
    N.Dj.: Es gibt die Werte, die über allen Kataklysmen, über allen politischen Veränderungen stehen.Die Küche ist in meinem Film auch als eine ästhetische Welt dargestellt.
    D.M.: Auch die Zeit von Pirosmani, seine Malerei wird in Ihrem Film visuell wiedererlebt
    N. Dj.: Seine originelle ästhetische Welt hat mich immer tief inspiriert, außerdem spielt meine Geschichte historisch in der Zeit von Pirosmani.
    D.M.: Nana, wen würden Sie vom georgischen Film als Ihr Vorbild nennen?
    N. Dj.: Ich mag die Filme von Otar Iosseliani sehr, aber auch die von Sascha Rechwiaschwili und Eldar Schengelaja.
    D.M.: Sie arbeiten immer mit hochprofessionellen Kameramännern wie Lewan Paataschwili oder Phedon Papamichael, heißt das, dass Sie die visuelle Seite des Films besonders schätzen?
    N.Dj.: Filmkunst ist in der ersten Linie eine visuelle Kunst. Den Kameramann Lewan Paataschwili betrachte ich persönlich als ein absolutes Genie, der sich niemals wiederholt, von Film zu Film immer neue visuelle Formen vermittelt. Dadurch, dass er als Kameramann in einem verschlossenen Land tätig war, blieb er für den internationalen Film kaum bekannt. Jeder seiner Filme ist meiner Meinung nach eben einmalig, Paataschwili ist ein Kameramann dem immer gelungen ist, eine neue Sprache des Mediums zu finden. Paataschwili besitzt einen besonderen Sinn für Film. Ich habe wirklich Glück gehabt, eine Zusammenarbeit mit diesem hervorragenden Kameramann zu genießen.
    D.M.: Nana, könnten Sie mir von Ihrem Film "Helft mit beim Aufstieg auf Elbrus" erzählen. Soweit ich weiß, hatten Sie mit der Zensur besondere Schwierigkeiten bei diesem Film
    N.Dj.: Dieser Film existiert nicht mehr, d.h. vom fertiggestellten Film wurden etwa 40 Min. rausgeschnitten, das Ende des Films wurde weggenommen, es ist nicht mehr mein Film. Als die Filmbehörden mir den Film im GOSKINO zeigten, konnte ich meinen Film nicht mehr erkennen und habe die Behörden gebeten, meinen Namen aus dem Film rauszunehmen.
    D.M.:Heißt das, dass ich als Zuschauer Ihren Film nicht kenne?
    N.Dj.: Keiner kennt diesen Film. Ich habe ihn auf einer Höhe von 4800m gedreht, das war eine sehr anstrengende Arbeit. Ursprünglich erzählte der Film aus der Perspektive eines behinderten alten Mannes, von der verschlossenen Welt, aus der dieser alter Mann weg gehen wollte. Im Film wurde das Leben dreier Generationen einer Familie, Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Familienangehörigen und ihre Einsamkeit dargestellt. Mein Protagonist flehte seinen unter den Familienmitgliedern als Außenseiter betrachteten Sohn an, ihm zu helfen.
    Der Sohn nahm seinen Vater mit dem Motorrad mit. Beide fuhren bis zu einer bestimmen Höhe des Berges mit dem Motorrad, dann nahm der Sohn seinen Vater an die Hand. Die letzte Szene zeigte zwei winzige Punkte in einer riesigen Schneedecke. Das Ende des Filmes blieb offen, man wusste nicht, ob sie ihr Ziel erreichen vermochten oder nicht. Die Zensur hat den Film zu einem Unterhaltungsfilm umgeschnitten. Der Schock war so groß, dieser Vorfall deprimierte mich so sehr, dass ich vier monatelang im Bett blieb und nicht mehr leben wollte.
    D.M.: Der allegorische Charakter des Films wurde von den Behörden entziffert
    N.Dj.: Gewiss, sie haben in einer Nacht kolossale Arbeit geleistet und haben den Film völlig ummontiert, die Folgen der Szenen geändert. Ihnen ist es wirklich gelungen, meinen Film zu einem mittelmäßigen Unterhaltungsfilm zu montieren.
    Als mein erster abendfüllender Film Robinsoniada nicht freigegeben wurde, war ich kaum betroffen. In der gleichen Zeit auch Irakli hatte große Schwierigkeiten mit der Zensur wegen Schwimmer. Ich wusste, dass auch viele meiner anderen Kollegen solche Probleme mit fertiggestellten Filmen hatten. Das gehörte sozusagen zu der alltäglichen Geschichte unter unseren Kollegen und in unserem Freundeskreis. Otar Iosselianis Filme wurden von der Zensur immer eingegriffen, auch Sascha Rechwiaschwili hatte ewige Schwierigkeiten mit Filmbürokraten. Die Zensoren waren echte Profis, sie spürten immer genau, welche Szene eines Films sozusagen gefährlich wirkte und dementsprechend aus dem Film geschnitten werden musste.
    1 Irakli Kvirikadse - Regisseur und Drehbuchautor, Ehemann von Nana Djordjadse.
    2 Grigol Robakidse - Grigol Robakidse 1884-1962 Schrifsteller und Dramatiker. Emigrierte 1931 nach Berlin, übesiedelte 1945 nach Genf, wo er bis seinem Tode lebte. In seinen Werken spielte das Mythisch-Sagenhafte eine grosse Rolle.Seine Literatur und Dramen basieren auf der altgeorgischen und kaukasischen Mythologie. Schrieb auf georgisch und deutsch. Bis in die 80er-Jahre war Robakidse in der Sowjetunion verboten, erst in der Zeit der Perestroika wurden seine georgische Werke wieder gedruckt und deutsche Werke übersetzt. Nana Djordjadse drehte in der 80er-Jahren einen Dokumentarfilm über Robakidse als Mystiker. Wegen Geldmangel wurde der Film nicht fertiggestellt.

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