Der Film "Nirgendwo in Afrika" von Caroline Link wurde 2003 mit einem Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film ausgezeichnet. Außerdem wurde dem Film im Juni 2002 in Berlin in fünf Kategorien der Deutsche Filmpreis in Form der "Goldenen Lola" zuerkannt. Für die Georgier ist der Film aber auch noch aus einem anderen Grund von besonderem Interesse: einer der Haupthelden wird vom georgischen Schauspieler Merab Ninidze dargestellt.

(N)irgendwo in Georgien – Interview mit Merab Ninidze

Das Interview für die "Kaukasische Post" hat Giorgi Gogitscheischwili (13), Schüler des 6. Gymnasiums von Tbilissi, geführt.

Merab Ninidse und Giorgi Gogitschaischwili

    Kaukasische Post: Vor allem möchte ich Ihnen zu dem Erfolg gratulieren, den der deutsche Film durch Ihr Mitwirken hatte. Was kam Ihnen in dem Moment in den Sinn, als Sie diese Information erreichte? Mit welcher Geste oder Ovation haben Sie diese Freude geäußert?
    Merab Ninidze: Ich begann zu weinen, dann rief ich alle meine Freunden in Tbilissi an.
    Ich trank auf nüchternen Magen einige Gläser (Wein), ich war sehr froh, in dem Moment war ich stolz, weil ich es nicht erwartet habe. Ich muß ehrlich sagen, ich war sicher, daß es so ausgehen würde, daß wir keinen Preis erhalten würden. Die Konkurrenz war sehr groß und politisch hat Deutschland die amerikanische Regierung (im Krieg gegen den Irak, d.R.) nicht unterstützt. Ich dachte, daß die Deutschen dafür bestraft würden und keinen "Oscar" erhalten.
    Da diese Freude unerwartet war, machte es mich noch stolzer. Du weißt nicht, was man mit dieser Freude anfangen soll, weil sie größer wird als du, man denkt, daß man es nicht aushalten kann.
    Ich war sehr glücklich in diesem Moment, obwohl ich persönlich keinen "Oscar" erhalten habe. Diesen Preis hat der Film bekommen, und in dieser Situation sind der Film und ich untrennbar.
    K.P.: Wann und warum haben Sie entschieden Schauspieler zu werden?
    M.N.: Ich erinnere mich nicht genau an den Moment nicht, als ich die Entscheidung traf, Schauspieler zu werden. Mein Großvater war Theaterregisseur. Faktisch bin ich im Theater groß geworden. Ich war ungefähr sechs Jahre alt, als ich schon sicher war, daß ich Schauspieler werden würde. Als ich sieben Jahre alt war, stellte mich der Großvater auf die Bühne und gab mir eine kleine Rolle.
    Später war es dann so, daß ich immer das Theaterleben beobachtete und mir es besser gefiel als das Alltagsleben, von woher ja die Menschen versuchen, ins Theater zu fliehen. Sie versuchen außerhalb des Alltagslebens etwas Schöneres zu entdecken, weil die Schauspieler besser über das Leben sprechen. Deshalb wurde ich von dieser Welt bezaubert und entschied, Schauspieler zu werden.
    K.P.: Was waren Ihre ersten Rollen auf der Bühne und im Film?
    M.N.: Meine erste Rolle auf der Bühne bekam1979 in der Aufführung "Richard III". Die erste Rolle im Kino war im Film "Die Reue" von Tengis Abuladse. Ich war damals siebzehn Jahre alt.
    K.P.: Wie sieht man vom Ausland das georgische Theater? Was würden Sie ändern, was würden Sie noch vertiefen und was würden Sie Neues einführen?
    M.N.: Das georgische Theater, welches ich vom Ausland sehe, ist georgisch und gerade deshalb interessant, weil die georgische Regie und Schauspielschule eine ganz eigene Handschrift haben. Ich werde nicht sagen, daß ich im hiesigen Theater etwas ändern würde, aber etwas würde ich einführen, wenn ich diese Möglichkeit hätte: Und zwar mehr abstrakte, moderne, mutige, experimentelle, avantgardistische Aufführungen, wo sich die Genres und Stile vermischen. Ich würde solche Elemente im georgischen Theater einführen, die dem 21.Jahrhundert entsprechen.
    K.P.: Mit welchen georgischen und ausländischen Regisseuren möchten Sie gerne arbeiten?
    M.N.: Eigentlich interessierte ich mich für die Zusammenarbeit mit Ingmar Bergman, aber leider dreht er keine Filme mehr und arbeitet auch nicht mehr am Theater.
    K.P.: Welche Rollen würden Sie gerne auf einer georgischen Bühne und in einem Film spielen?
    M.N.: Mit großem Vergnügen würde ich die Rolle von Ostap Bender im Film "Zwölf Stühle" spielen.
    K.P. : Wer sind Ihr Lieblingsdramatiker, -dichter, -schriftsteller, -maler, -komponist und -regisseur?
    M.N.: Meine Lieblingsdramatiker sind Tschechow und Ibsen; die Lieblingsdichter Rilke, Paolo Iaschwili und Galaktion Tabidse; die Lieblingsschriftsteller Dostojewski und Knut Hamsun; mein Lieblingsmaler ist Anri Russeu und die Lieblingskomponisten - von der alten Generation Bach, aber von der gegenwärtigen – Eminem.
    K.P.: Wodurch unterscheidet sich der georgische Zuschauer vom europäischen Publikum?
    M.N.: Der georgische Zuscheuer ist unheimlich anspruchsvoll – er kommt zur Vorstellung, als würde er von der Truppe eine Prüfung ablegen lassen. Das charakterisiert den europäischen Zuschauer nicht. Er kommt mit dem Interesse, daß du etwas Neues vorstellst und ist nicht so kritisch gestimmt. Der georgische Zuscheuer möchte eine Vorstellung sehen, die er selbst für sich erdacht hat. Wenn dem georgischen Publikum etwas wirklich gefällt, schenkt er unheimlich viel Applaus. In Europa sind die Leute zurückhaltend. Wenn ihnen etwas gefällt, äußern sie keine Emotionen.
    K.P.: Wenn er nicht Schauspieler wäre – wer würde Merab Ninidse sein?
    M.N.: Wenn nicht Schauspieler, dann wäre Merab Ninidse ein professionell Reisender. Vielleicht liefe er mit einem Rucksack und ginge um die Erde herum. Was mich in der Welt bezaubert, interessiert und für mich nicht erreichbar ist, möchte ich nicht im Fernsehen oder in Büchern betrachten, sondern mit eigenen Augen sehen. Das sind die zahlreichen Kulturen der Welt, die die Menschen in verschiedenen Zeiten geschaffen haben.
    K.P.: Was würden Sie den georgischen Kindern wünschen?
    M.N.: Den georgischen Kindern möchte ich vor allem wünschen, daß sie nicht in den Fernseheboom hineingezogen werden. Das Fernsehen soll nicht ihr erster Freund sein, wie das heute ist. Das Fernsehen leitet und bestimmt die Erkenntnis des Kindes, das Fernsehen bestimmt was gut und was schlecht ist. Ich meine, daß diese Generation durch das Fernsehen erzogen wird und das Leben ihnen erst später seine groben Seiten zeigt, weil das Leben nicht so ist, wie das im TV gezeigt wird. Ich möchte den georgischen Kindern wünschen, daß ihnen ihre innere Welt, ihr seelischer Reichtum, die Fragen, die beim Anschauen dieser Welt entstehen, nicht vom TV bestimmt und beantwortet werden, sondern durch die engen Beziehungen mit ihren Eltern und miteinander. Das erste, was ein Mensch, was ein Kind braucht, ist das Buch. Es bietet eine grenzenlose Auswahl der Erkenntnis und das würde ich den georgischen Kindern empfehlen, weil es, wie ich hier sehe, überall und auch in der Politik einen Mangel an der Erkenntnis gibt. Manchmal scheint mir, daß nicht die Menschen sondern leere Puppen sprechen, weil sie keine eigenen Worte haben. Sie machen alles jemandem nach. Und dieses Nachahmen wird natürlich mit der Hilfe des Fernsehens geschult. Den Kindern wünsche ich eine echte Kindheit, daß sie sich nicht wünschen, schnell erwachsen zu werden. Im TV kann man oft sehen, wie ein Kind wie ein Erwachsener singt, das ist doch nicht normal. Ich meine, daß ein Erwachsener erwachsen sein muß, und ein Kind kindlich. Die Erwachsenen müssen mehr Verantwortung gegenüber den Kindern übernehmen, weil sie dieses Land, diesen Staat und diese Nation später ihnen übergeben sollen. Das alles gehört euch, den Kindern.

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