Die Vorgeschichte:
Der georgische Präsident wird beschuldigt, die
Parlamentswahl gefälscht zu haben
Autor: Nino Sologashvili
Weisser Fuchs
In den Wählerregistern standen Personen, die längst tot sind. Aber der
Oppositionsführer fehlte. Jetzt geht er mit seinen Anhängern auf die
Straße.
Zu Wochenbeginn hat die Opposition in Georgien zum zivilen Ungehorsam
aufgerufen. Tausende folgten ihr und forderten Präsident Eduard
Schewardnadse zum Rücktritt auf. Wir protestieren so lange weiter, bis
Schewardnadse zurücktritt. Wir sind nicht mehr zu stoppen, verkündete
Oppositionsführer Michael Saakaschwili. Schon mehr als zwei Wochen dauern
die Demonstrationen gegen die Wahlfälschungen bei der Parlamentswahl am
2. November an. Die Menschen sind empört und fühlen sich betrogen. Nach
Angaben der Wahlkommission liegt das Regierungsbündnis für ein neues
Georgien mit 26,6 Prozent vor der oppositionellen Nationalen Bewegung des
ehemaligen Justizministers Saakaschwili mit 21,9 Prozent. Aber was sagen
diese Zahlen schon aus? Die Oppositionsanhänger ließen sich in den
Wahllisten nicht mehr finden, obwohl sie einige Wochen vorher registriert
worden waren. Weder Saakaschwili selbst noch die Parlamentspräsidentin
Nino Burdshanadse konnten ihre Stimme abgeben. Statt ihrer fanden sich in
den Wahllisten die Namen Hunderter Verstorbener, einige davon aus dem Jahr
1800. Mancher fühlt sich an den Roman "Die toten Seelen" von
Nikolai Gogol erinnert. Da kauft der ehemalige, wegen Bestechung
entlassene Beamte und Zolleinnehmer Paul Tschitschikow die toten Seelen,
die nur noch auf dem Papier vorhandenen Leibeigenen, und verpfändet die
rechtsgültig erworbenen, wenn auch imaginären Arbeitskräfte den Banken
als Sicherheit für Darlehen.
Angriff auf George Soros
Die Opposition macht den Präsidenten für die moderne Wiederauflage
dieses Spiels verantwortlich. Sie wirft ihm, seinen Verwandten und seiner
Anhängerschaft Korruption und Klanwirtschaft vor. Die Tochter des
Präsidenten, heißt es, besitze alle Telekommunikationsunternehmen im
Land. Derweil schloss Schewardnadse am Montag seinen Rücktritt
kategorisch aus. Er beschuldigte die Opposition, die ehrliche Bevölkerung
Georgiens auszunutzen, gestand allerdings Unregelmäßigkeiten während
der Wahlen ein: Auch meine Verwandten wurden nicht in den Wahllisten
gefunden. Der Präsident kündigte harte Strafen an und kritisierte gleich
mehrere internationale Organisationen. Bei der Vorbereitung der
Parlamentswahlen habe nicht die Regierung in Tiflis versagt. Vielmehr habe
eine internationale Organisation vorsätzlich die Wählerlisten
gefälscht. Das Innenministerium habe im Sommer die fehlerfreien
Wählerlisten geliefert. Die internationale Organisation habe dann die
Übertragung in elektronisch lesbare Daten verfügt, wobei auch die
falschen Listen entstanden seien.
Zwar nannte Schewardnadse nicht den Namen dieser Organisation, doch griff
er kurze Zeit später in einem Radiointerview den Börsenspekulanten
George Soros an: Soros mische sich in innere Angelegenheiten des Landes
ein und finanziere auch die Opposition. George Soros unterstützt Projekte
der GUS-Staaten für den Aufbau einer freien und demokratischen
Gesellschaft. Eines dieser Projekte ist das Open Society-Programm in
Georgien. Die Opposition fürchtet nun, dass der Präsident seine eigene
Bedrängnis nutzt, um dieses ihm missliebige Programm zu beenden.
Eduard Schewardnadse hatte von Anfang an keinen leichten Stand in
Georgien. Als er 1992 in seine Heimat zurückkehrte, erlebte er ein vom
Bürgerkrieg zerstörtes Land. Viele Georgier waren gegen den früheren
sowjetischen Außenminister. Damals beschwor er in der Erinnerung vieler
noch das Bild des weißen Fuchses herauf, der 1989, als Georgien seine
Unabhängigkeit anstrebte, nichts getan hatte, um die Georgier vor
sowjetischen Panzern zu retten. In der Nacht vom 8. auf den 9. April 1989
wurden 16 Demonstranten vor dem heutigen Parlamentsgebäude von russischen
Soldaten zu Tode geprügelt. Einige Bürger standen Schewardnadse durchaus
positiv gegenüber. Sie hofften, dass seine Erfahrungen und die
außenpolitischen Beziehungen Georgien zur Demokratisierung verhelfen
könnten. Die EU und die USA leisteten finanzielle Unterstützung beim
Wiederaufbau.
Die Korruption blüht
Doch das Geld nahm dubiose Wege. In Tiflis und Batumi entstanden teure
Hotels, Restaurants, Kasinos und prachtvolle Villen alles aus der
Staatskasse finanziert. Die führenden Politiker fahren mit den neuesten
Autos. Die Organisierte Kriminalität blüht, und keiner fühlt sich
dafür verantwortlich. Alltäglich lassen sich Polizisten mit Schmiergeld
bestechen. Es ist oft der einzige Weg für sie, den Hunger in den eigenen
Familien zu verhindern. Sie haben monatelang ihre Gehälter nicht
erhalten. Die Situation in den Provinzstädten Georgiens ist noch
schlimmer. Es existiert keine Krankenversicherung. Vor der Unabhängigkeit
1991 war Georgien die reichste Sowjetrepublik, heute leben 54 Prozent der
fünf Millionen Einwohner nach Angaben der Weltbank unter der
Armutsgrenze. Nur vor den Wahlen verteilte die Regierung Brot oder Zucker.
Wenn Journalisten über die Präsidentenfamilie zu recherchieren
versuchen, werden sie oftmals bedroht. Das mussten etwa Redakteure des
privaten Nachrichtensenders Rustavi 2 erfahren. In einer Sendung über die
Korruption in der Energieversorgung im November 1999 lieferten sie Beweise
und nannten Namen, die in die Affäre verwickelt waren. Auch der Name des
Präsidenten wurde genannt. Von da an bekamen sie Todesdrohungen. Am 26.
Juli 2001 wurde der Journalist Giorgi Sanaia in seiner Wohnung erschossen.
Die Tat ist bis heute nicht richtig aufgeklärt. Zwar wurde eine Person
verhaftet und verurteilt, doch gibt es erhebliche Zweifel an deren
Täterschaft.
Prügel für Journalisten
Als die Beamten des Innenministeriums im Oktober 2001 in das Gebäude des
Nachrichtensenders eindrangen und alles durchsuchten, baten die
Journalisten die Bevölkerung um Hilfe. Es gab massive Proteste. Die Lage
war so angespannt, dass der Präsident nach einer Woche sein gesamtes
Kabinett entlassen musste, um seine eigene Haut zu retten.
Auch jetzt werden Journalisten während der Demonstrationen nach der
Parlamentswahl von Regierungspolitikern bedroht. Als Präsident
Schewardnadse am 10. November aus der Teilrepublik Adscharien nach Tiflis
zurückkehrte, sollten die Beschäftigten des Flughafens Tiflis
applaudieren. Andernfalls wurde ihnen mit Entlassung gedroht. Ein
Journalist von Rustavi 2, der darüber berichten wollte, wurde von dem
Politiker Tamas Giorgadse angegriffen und verprügelt.
Das bisher bekannte, immer noch nicht endgültige Wahlergebnis will
Schewardnadse nicht annullieren. Er setzt auf die Hilfe des nördlichen
Nachbarn. Nach Angaben des russischen Vize-Außenministers Waleri
Loschtschinin ist eine russische Vermittlung im Konflikt mit der
Opposition in Georgien möglich. Der russische Präsident Wladimir Putin
erkundigte sich mehrmals telefonisch bei Schewardnadse sehr besorgt über
die Lage in Georgien.
Seit Montag demonstrieren auch die Anhänger des Präsidenten vor dem
Parlamentsgebäude in der Hauptstadt. Hunderte von ihnen sind aus der
autonomen Teilrepublik Adscharien nach Tiflis gereist. Die Opposition will
ihrerseits die Proteste noch verschärfen. Die Lage in Tiflis bleibt
explosiv.
Die Autorin ist Korrespondentin der in Tiflis
erscheinendendeutschsprachigen Zeitschrift Kaukasische Post.
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