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"Wichtig ist die persönliche Zuwendung und
nicht das tolle Material"
Behindertenhilfe immer aktuell
I n der Kaukasischen Post Nr.
42 im Artikel "Die schlimmsten Eltern sind besser als ein Heim für
ein Kind" wurde über die Tätigkeit des Vereins zur Förderung der
Behindertenhilfe in Georgien berichtet. Die Vorsitzende des Vereins Frau
Heidi Schmachtenberg besuchte Ende April Georgien wieder und diesmal mit
einem Team der deutschen Fachleute.
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| Heidi Schmachtenberg |
Kaukasische Post: Was war das Ziel
Ihrer Reise diesmal?
Heidi Schmachtenberg: Unser Hauptziel diesmal
war, Kontakte für Westgeorgien aufzunehmen. Dort gibt es noch keine
Einrichtung für behinderte Kinder, bzw. es gibt wohl Internate oder Heime
für Waisenkinder und behinderte Kinder, aber noch keine Schulen. Ende
April waren wir in Kutaissi und in der Planung steht etwas aufzubauen, die
sog. dritte Frühförder- und Beratungsstelle. Die erste haben wir ja 2001
bei Frau Marina Schostak in der Michaelsschule aufgebaut, die zweite 2003
bei Msia Taganaschwili in der Integrativen Schule in Rustawi, und jetzt
wird wahrscheinlich im September die dritte in Westgeorgien angebahnt.
Inzwischen finanzieren wir 8 Fachkräfte aus deutschen Spenden, und haben
vor, unter Umständen noch zwei weitere Fachkräfte erstmals in Kutaissi
zu finanzieren, also wir übernehmen das Gehalt und wir versuchen sie in
Seminaren zu beraten und anzuleiten.
K.P.: Sind das örtliche Fachkräfte?
H. Sch.: Ja, es sind alles Georgier. Es geht uns da
drum, die eigenen Fachleute zu aktivieren, weil Sie auch wirklich sehr
gute Fachleute haben. Nur sind die Methoden anders als in Deutschland.
Aber ich denke, man soll immer die kulturellen Hintergründe und die
Bildungsangebote des eigenen Landes nutzen, sonst hat man keinen Erfolg in
der Arbeit hier.
K.P.: Sie sind diesmal zusammen mit einem Team der
Fachleute angekommen, und die Teambesetzung ist diesmal ungewöhnlich.
H. Sch.: Mit mir zusammen ist Frau Petra Terhorst,
Ergotherapeutin aus Köln, die ein Tagesseminar über Wahrnehmung in
Rustawi durchgeführt hat. Dann ist mein Kollege Karl Schlütter mit 6
erwachsenen Behinderten und noch einem Kollegen angekommen. Damit wollen
wir Zeichen setzen. So haben wir zwei Veranstaltungen mit den erwachsenen
Behinderten gehabt. Es geht über selbstbestimmtes Leben. Mein Kollege hat
referiert und die Behinderten haben selbst von ihrem Leben gesprochen. Wir
haben viele Fachleute dazu eingeladen, das hat auch das Goethe-Institut
übernommen, und wollen damit insofern Zeichen setzen, dass wir die
Menschen in Georgien aktivieren wollen, doch mit ihren behinderten
Menschen rauszugehen, sie nicht isoliert zu halten. Das ist ein großes
Anliegen von uns. Wir sind überall mit diesen behinderten Erwachsenen
herumgefahren, in Minibussen, in Restaurants gegangen, in Cafes, in Parks
und auf der Strasse spazieren gegangen. Bemerkenswert ist, dass diese
Menschen mit Behinderung ihr Geld für die Fahrt selbst verdient haben.
Bei uns ist es möglich, dass die Menschen mit Behinderung in Werkstätten
arbeiten. Sie haben mit dem Leiter die Fahrt geplant und sie bekommen
keinen Pfennig Geld, weder vom Staat, noch von Sponsoren, sondern sie
finanzieren alles selbst, und das - finde ich - sollten alle wissen.
K.P.: Ihr Bereich ist eher behinderte Kinder im
vorschulischen Alter zu versorgen. Und gerade dieser Bereich ist in
Georgien weniger geprägt. Haben Sie auch in diese Richtung etwas geplant?
H. Sch.: Wir wollen uns mit Fachleuten aus Georgien
und Deutschland zusammen setzen, um eine Ausbildungsordnung für Lehrer
für vorschulische Problemkinder zu entwickeln. Es ist sehr viel Arbeit,
aber es könnte Erfolg haben. Das Goethe - Institut in Tbilissi ist
bereit, uns dabei zu unterstützen. Die Lehrer, die dort ausgebildet
werden, sollen in ganz Georgien arbeiten.
Petra Terhorst, Ergotherapeutin, Köln:
"Ich arbeite in Köln an einer Schule für Körperbehinderte Kinder
und Jugendliche zusammen mit Frau Edith Samson, die als zweite Vorsitzende
in dem Verein zur Förderung der Behindertenhilfe tätig ist. Vor einem
Jahr hat sie mir von Georgien und von der Vereinsarbeit erzählt. Durch
sie habe ich auch Heidi kennen gelernt. Im letzten Herbst hatten sie mich
zu einer Benefizveranstaltung des Vereins in Deutschland mit georgischen
Tänzen und georgischem Essen eingeladen. Das hat mir sehr gut gefallen.
Als beide planten, wieder nach Georgien zu reisen, habe ich beschlossen,
zusammen mit ihnen nach Georgien zu kommen."
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| Petra Terhorst |
K.P.: Wie sind Ihre ersten
Eindrücke?
P.T.: Ich bin das erste Mal
hier und es gefällt mir sehr gut. Ich komme bestimmt wieder. Mein
Interesse ist, erst einmal das Land, die Leute und die Lebensweise kennen
zu lernen und zu sehen, wie die Arbeit hier aussieht. Dann kann ich besser
einschätzen, was überhaupt in diesem Land von Interesse sein könnte,
von dem, was wir in Deutschland praktizieren, oder was hier vielleicht
weiterhelfen könnte.
K.P.: Die Ergotherapie wird in Georgien weniger
praktiziert, oder?
P.T.: Es ist sicherlich in Tbilissi etwas Neues,
aber ich habe gehört, es gibt eine Ergotherapeutin im ersten
Kinderkrankenhaus in Tbilissi. Es ist eine Amerikanerin. Ich bin auf jeden
Fall sehr interessiert, sie beim nächsten Mal zu besuchen, um zu sehen,
wie sie die Ergotherapie hier in Georgien durchführt. Ansonsten gibt es
diesen Beruf noch nicht, aber die Arbeit der Heilpädagogen oder
Physiotherapeuten hier in Georgien ist sicherlich in manchen Bereichen
ähnlich. Auch in Deutschland überschneidet sich die therapeutische
Arbeit der unterschiedlichen Berufsgruppen. Ich würde beim nächsten
Besuch gerne in der Michaelsschule (anthroposophische Schule für
behinderte Kinder, Anm. Red.) ein paar Tage hospitieren, um die Arbeit
dort kennen zu lernen.
K.P.: Sie haben in der Integrativen Schule in
Rustawi das Seminar über die Wahrnehmung gehalten. Wie haben Sie Ihr
erstes Treffen mit dem örtlichen Auditorium erlebt?
P. T.: Das Auditorium bestand überwiegend aus
Kollegen aus der Schule, sowie einigen interessierten Eltern und einigen
Gästen, die wir zum Teil aus Tbilissi oder vom Gesundheitsministerium
eingeladen haben, also Personen, die am Thema interessiert sind. Das war
schon eine schöne und interessante Veranstaltung und mit Erfolg, würde
ich sagen.
K.P.: Wie wichtig können die örtlichen
Gegebenheiten und örtliche Mentalität sein? Spielen auch diese eine
Rolle in Ihrer Situation?
P. T.: Die spielen ganz sicherlich eine bedeutende
Rolle. Jedoch glaube ich, dass unsere Vorstellungen und Ideen zu unserer
Arbeit in jedem Land passen können.
Wie weit die Arbeit umgesetzt werden kann, das hängt ja von vielen
Faktoren ab. Zum Beispiel wie früh kommen die Kinder in die
Frühförderung, oder werden sie eher zu Hause betreut?
Bisher haben wir die integrative Schule in Rustawi und die Michaelsschule
in Tbilissi gesehen. Von den Räumlichkeiten her hat es mir sehr gut
gefallen. In beiden Schulen gibt es auch einen großen Raum, wo man auch
für die Bewegung etwas anbieten kann. An Materialien könnte noch einiges
angeschafft werden. Der Verein stellt sicher gerne auch Gelder zur
Verfügung, um Material zu kaufen, oder aus Deutschland mitzubringen. Von
daher denke ich, dass eine Menge schon umgesetzt werden kann. Es ist aber
auch nicht mein Wunsch, hierhin zu kommen, und zu sagen, o.k., jetzt
machen wir das, was ich in Deutschland gewöhnt bin zu machen, sondern
mein Wunsch ist eher, auch von meinen Kolleginnen und Kollegen hier in
Georgien zu lernen, und auszuprobieren, was hier möglich ist.
Ich bin schon in verschiedenen Ländern gereist, und habe in vielen
Ländern die Ergotherapie kennen gelernt. Auch z. B. in Ägypten leistet
man mit wenigem Material sehr gute Arbeit. Und das ist für mich dann auch
sehr beeindruckend zu sehen, dass ich nicht dieses Perfekte brauche, was
ich in Deutschland meist habe. Für mich sind einfach andere Dinge
wichtig, eben nicht nur das tolle Material, sondern auch die persönliche
Zuwendung und die Zeit, die ein Lehrer oder Therapeut mit einem Schüler
hat. Das sind vielleicht die Dinge, die noch viel wichtiger sind.
K.P.: Welche Bedeutung würden Sie der Teilnahme der
Eltern an der Frühförderung beimessen?
P.T.: Es ist sehr wichtig, die Eltern in die Arbeit
der Frühförderung mit einzubeziehen. In Rustawi habe ich während des
Vortrages auch schon festgestellt, dass die Eltern einen großen Bedarf
nach Beratung haben. Wir haben dort Eltern erlebt, die mit ihren Sorgen zu
uns kamen, aber in dem Rahmen, an dem Nachmittag war es natürlich nicht
möglich, eine Hilfe zu leisten. Ich denke, neben der eigentlichen
Therapie müssen Lehrer und Therapeuten den Eltern auch zu Gesprächen zur
Verfügung stehen. Ich glaube manche Mutter wäre schon entlastet, und es
würde ihr besser gehen, wenn jemand dort sitzen würde und sie könnte
erzählen, mein Kind läuft nicht, es kann den Kopf nicht heben, es kann
nicht sitzen, usw. Von den Kolleginnen weiß ich, dass auch schon viele
Beratungen und auch Hausbesuche durchgeführt werden.
K.P.: Danke für das Gespräch.
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