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Familie Kitessow seit über einhundert Jahren Meister
ihrer Handwerkskunst:
Wie "Papa Wano" die Drehorgel nach Georgien
brachte
Eka Sakalaschwili
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| Akop und Waniko Kitessow mit
der Drehorgel, Foto: E. S. |
Wenn man sich Fotos und Zeichnungen aus dem alten Tbilissi anschaut,
gehören Drehorgelspieler zum Straßenbild der Stadt. Heute trifft man sie
nur selten in einzelnen Restaurants. Auch die Drehorgelbaumeister sind
fast verschwunden.
In Awlabari, einem alten Teil von Tbilissi, in einer engen Gasse wohnt
die Familie Kitessow. Vater Akop und sein Sohn Waniko bauen hier heute
noch Drehorgeln.
Die Familie Kitessow wohnt in Tbilissi schon seit fast 700 Jahren. Laut
Waniko Kitessow seien sie schon die 17. Generation der Familie. Im 19.
Jahrhundert waren sie Großhändler der Ersten Gilde. Das Haus der
Kitessows war damals eines der bekanntesten Häuser in der Stadt, wo sich
die Intelligenz-Elite versammelte: Regierungsbeamte, Intellektuelle sowie
Kaufleute. Alle technischen Neuerungen wurden hier präsentiert. So wurde
1886 im Haus der Familie Kitessow die erste Drehorgel von dem bekannten
Orgelbaumeister Johan Netschada vorgestellt.
Johann Netschada aus Tschechien, der anfangs in Deutschland arbeitete,
zog 1886 nach Odessa. Dort gründete er eine kleine Manufaktur, in der 18
Arbeiter beschäftigt waren. Jeder hatte seine konkrete Aufgabe und nur
Vater Netschada wußte das ganze Geheimnis der Kunst des Drehorgelbaus.
Der Urgroßvater von Waniko Kitessow, der in Tbilissi den Spitznamen
"Didi Papa Wano" (Großer Opa Wano) trug, interessierte sich
sehr für Drehorgeln.
Der zwei Meter große "Didi Papa Wano" war ein typischer
Vertreter seiner Handwerker-Zunft und des Tbilisser Bürgertums. Er war
sehr gebildet und ein guter Tamada (Tischredner). Er wurde in Frankreich
ausgebildet und beherrschte die Kunst der Holzbearbeitung. Später
fertigte er sogar einen Schreibtisch und einen Bücherschrank für Lenin.
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| Waniko Kitessow spielt Akkordeon, Foto: E. S. |
"Papa Wano" beschloß von Netschada die Kunst des
Drehorgel-Baus zu erlernen. Bald danach fuhr er nach Odessa und fand
Netschadas Manufaktur. Diese befand sich damals in der Balkowstraße 139
und schon bald wurden die beiden Freunde. Schon nach einer Woche waren die
Weichen gestellt: Netschada hatte in "Papa Wano" einen guten
Schüler und Nachfolger seiner Bau-Kunst gefunden. Obwohl er selbst zwei
Söhne hatte, gab er das Geheimnis des Drehorgel-Baus an "Papa Wano"
weiter.
"Papa Wano" veränderte die Konstruktion der Drehorgel. Bei
der äußeren Gestaltung verwandte er georgische nationale Motive: Schafe,
Ringer, Nymphen sowie georgische Aufschriften: Kachet Wino, der Brand der
Saradschischwili-Fabrik. Mit Hilfe von "Papa Wano" vergrößerte
sich die Manufaktur von Netschada und zog sich bald in Balkowstraße 191
um, wo eine große Fabrik entstand.
Nachdem "Papa Wano" nach Georgien zurückkehrte, bat ihn
Netschada auf der ersten Drehorgel, die er in Georgien bauen würde,
Netschadas Name zu schreiben: "Netschada, Odessa, Balkowstraße
191".
Sehr lange nannten die Kitessows die Drehorgel zu Ehren Netschadas.
Erst als Waniko Kitessow mit seinem Vater zusammenarbeitete, schreiben sie
auf ihre Drehorgeln "Drehorgelmeister Kitessow, Tbilissi".
Für den Bau einer Drehorgel braucht man ungefähr zwei Jahre, wenn man
jeden Tag acht Stunden arbeitet. Allein für die äußere Gestaltung sind
sechs bis sieben Monate nötig.
Die Drehorgeln von Kitessow sind in der ganzen Welt verbreitet: USA,
Israel, Japan, Holland, Deutschland. In Berlin findet alle zwei Jahre
Instrumenten-Festival statt. Vor zwei Jahren gewann eine Drehorgel den
ersten Platz.
Die Melodien in den Drehorgel sind unterschiedlich, aber in jeder
Drehorgel muß auf jeden Fall ein georgisches Lied vorhanden sein - so die
Devise von Waniko Kitessow, sonst wird die Drehorgel nicht gebaut.
Unter den heutigen Bedingungen ist es sehr schwer, Drehorgeln zu bauen.
Man braucht viel Geld für den Einkauf der nötigen Baustoffe. Man bekommt
nicht immer den Preis, der dem tatsächlichen Wert einer Drehorgel
entspricht. Diese Instrumente sind für die Georgier einfach zu teuer -
bis zu
20 000 US-Dollar. Deshalb werden die Drehorgeln meist nur an
westliche Ausländer verkauft.
Akop Kitessow (84) hat in seinem Leben ungefähr 60 Drehorgeln
gefertigt. Als Würdigung seines Schaffens verlieh ihm die Stadt vor
wenigen Tagen den Titel "Ehrenbürger von Tbilissi". Sein Sohn
Waniko (46), der mit dem Vater schon 40 Jahre lang zusammenarbeitet, hat
selbst 15 Drehorgeln hergestellt. Ihm fehlt seit der Geburt die rechte
Hand. Trotzdem spielt er zum Beispiel Klavier und Akkordeon, schreibt
selbst Musik und Gedichte. Mit neun Jahren brachte er sich selbst in einer
Woche das Klavier-Spielen bei.
Wanikos Kindheits-Erinnerungen: "Meine Mutter, Tamar
Dschawachischwili war eine Georgierin. Als ich drei Jahre alt war, kam ich
einmal sehr betrübt nach Hause und fragte meine Mutter: `Warum bin ich
nicht so, wie die anderen?` Mutter antwortete mir, dass jedem Menschen
sein Schicksal bei der Geburt bestimmt wird, jeder hat sein Kreuz zu
tragen. Das Kreuz von einigen ist schwer, von anderen leicht. Du wirst
dein Kreuz leicht tragen können. Diese Worte begleiten mich mein ganzes
Leben und mit diesen Worten konnte ich alles erreichen, was ich heute
kann."
Waniko Kitessow möchte gerne seine Arbeit einem breiteren Publikum
näher bringen, aber dafür benötigt man immer viel Geld, was er leider
nicht hat. Er hofft auf georgische oder ausländische Hilfe.
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