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Ihr seid nicht vergessen Diana Kessner Übersetzt von E.M.
(Fortsetzung, vgl. Ausgabe Nr.16-22) Immer mehr Kinder folgten dem Ruf unserer Familie und kamen zu dem Internat. Der Staat versorgte sie hier mit allem,
was sie materiell benötigten. Und jetzt, mit unserer Ankunft, erfuhr diese Versorgung eine entscheidende Erweiterung: Sie bekamen sogar Herzenswärme und die Möglichkeit, ihre Verbrechen zu bereuen und Rat zu suchen, ohne sich
fürchten zu müssen. Mein Vater spielte abends oft im Saal Klavier. Leise schlichen die Musikliebhaber herbei und setzten sich auf den Boden. Hier führte meine 10-jährige Schwester Swetlana durch den Abend. Sie hatte ein
absolutes Gehör für Musik und konnte alles nachsingen und -spielen, was sie im Kino gesehen hatte. Wenn der Vater eine Pause machte, gab sie dem Publikum Tanzunterricht. Zum neuen Jahr bereiteten wir ein großes Fest vor. Auch meine
Mutter beteiligte sich am Programm, und abends bastelten wir Girlanden für den Tannenbaum. Ich übte mit meinem Vater Solo-Lieder aus dem Film „Die Schatzinsel“ und „Kinder von Kapitän Grant“ ein und brachte den kleinen
Kindern Gedichte bei. Onkel Wadim konnte sehr interessant unterrichten, er führte Beispiele aus dem Alltagsleben auf und ermöglichte damit den Kindern, den Stoff leicht zu verstehen und für immer zu lernen. Der Onkel strahlte
manchmal vor Freude, daß er die Kinder zum Lernen angeregt hatte. Selber unverheiratet und kinderlos fand er hier eine gewisse Familie und teilte gern mit den Kindern alle Freuden und Leiden. Er organisierte auch allmählich einen
Kreis für Physik und Mathematik. Einige kasachische Jungen zeigten großes Interesse an den „genauen“ Wissenschaften. Ab und zu brachte man sonnabends ein Kinogerät. Das war für alle ein Fest. Abends las Mutter den kleinen
Kindern Märchen vor, aber es kamen auch immer mehr große Zuhörer dazu. Alle nahmen die Märchen mit seltener Aufmerksamkeit und Freude auf. Auf diese Weise entfernten sich die Kinder immer mehr von der Straße. Sie blieben immer
mehr zu Hause, waren immer wieder um uns und überschwemmten uns mit allen möglichen Fragen. Sie putzten jetzt der Reihe nach in ihren Zimmern die Böden und wischten Staub, manchmal wuschen sie sich sogar die Kragen und die
Manschetten ihrer Hemden. Einmal hatte Mutter die Wache verschlafen. In dieser Nacht wurden vom Hof ein Wagen und paar Ochsen gestohlen. Der „kleine“ Direktor verwandelte sich zu einem donnernden Ungeheuer und hörte gar nicht
mehr auf, uns zu beschimpfen. Mutter ging mit einer Schar Jungen los und durchsuchte die naheliegenden und auch entlegenen Höfe. Die Jungen waren sehr geschickt, und gegen Nachmittag fanden sie den Wagen, doch die Ochsen
waren nicht mehr dabei. Aber schon nach einer weiteren Stunde stand der Wagen mit den Ochsen im Schulhof. Und das ohne die Hilfe der Miliz. Bald wurden auch Fensterscheiben gestohlen. Jede Nacht verschwanden zwei große Scheiben.
Mutter hielt zusammen mit paar erwachsenen Jungs nachts in der ersten Etage Wache, aber das half nichts. Die Diebe lenkten sie ab, indem sie an einer anderen Ecke ans Fenster klopften, und klauten in der Zwischenzeit weitere
Scheiben. Dadurch gingen noch 4 Scheiben verloren. Als die Wache in den Hof verlegt wurde, konnten einer der drei Diebe festgehalten werden. Er wurde der Miliz übergeben. Die anderen zwei waren geflohen und tauchten nie wieder auf.
Nach diesem Vorfall verstärkte sich die Freundschaft zwischen meiner Mutter und den Internatskindern noch mehr. Und Murtasin verherrlichte die Mutter. Aber das Hauptproblem für uns blieb immer noch die Legalisation. Endlich
wurde beschlossen, bei der Miliz zu sagen, daß wir zu Anfang des Krieges in Krementschug in der Ukraine gelebt hätten, dann aber evakuiert worden seien, wobei unser Gepäck mit allen Unterlagen verloren gegangen sei. Der Anmeldung
fügten wir auch das Empfehlungsschreiben des Schuldirektors bei. Der letztere setzte alle seine Bekannten für die Sache ein, und wir erhielten erst Aufenthaltsgenehmigungen von dreimonatiger Gültigkeit und anschließend schon die
provisorischen Ausweise, die auf dem ganzen Territorium der Sowjetunion gültig waren. Vater und Onkel Wadim hatten noch ihre medizinischen Diagnosen aus der Vorkriegszeit, die sog. „Weiße Karten“, die den beiden Unfähig zum
Militärdienst bescheinigte. Vater litt in Wirklichkeit an Stenokardie, nachts sprang er oft auf, schrie und keuchte. Und mein Onkel hatte psychische Probleme - eine Komplikation nach einer Scharlach im 30. Lebensjahr. Deshalb
drohte den beiden auch keine Arbeitspflicht. Im Laufe meines weiteren Lebens habe ich immer wieder gestaunt: Je frecher und gewagter eine Lüge war, desto sicherer wurde sie als unbestreitbare Wahrheit angenommen! So, wir
waren also alle beschäftigt, brauchten keine Angst mehr haben, bummelten durch die Stadt, gingen ins Theater oder ins Kino und knüpfen neue Bekanntschaften. So z.B. die Direktorin unserer Schule, Bronislawa Pawlowna, eine kleine,
raffinierte Blondine. Ich weiß nicht mehr, wie sie zu uns fand. Aber dank Vater blieb sie lange bei uns. Sie verehrte klassische Musik, intelligente Gespräche, gute Manieren, kurz gesagt alles, was Jurij Franzewitsch so gut
konnte. Sie saßen oft allein im Saal und unterhielten sich. Wie ich mich erinnere, machte dies keinen Eindruck auf die Mutter. Dank dieser Bekanntschaft hatte ich in der Schule leichtes Spiel. Ich schwänzte soviel ich wollte und
lernte nur mittelmäßig, gut war ich nur in Literatur, wo mir meine „alten“ Kenntnisse viel nutzten. Und ich ging wieder zum Ballettunterricht. Einmal ging die Tür zu unserem Zimmer auf und wir sahen Nadeshda Viktorowna
Muraschewa, die wir von früher kannten, auf der Schwelle. Hinter ihr die Mutter. Sie hätten sich auf dem Markt getroffen. Das war eine Überraschung! Sie hatte enge Beziehungen zum Theater. Gleich am nächsten Tag stand ich
dort im Probesaal und trainierte fleißig. Daß ich am Morgen zum Schulunterricht sollte, wußte ich schon gar nicht mehr. (Fortsetzung folgt) zurück |