Georgische vorchristliche Felsdenkmäler Die Felshaukunst
ist eine der interessantesten Erscheinungen der Weltgeschichte. Angefangen vom Jungpaläolithikum bis einschließlich des Mittelalters wurde die Felshaukunst überall betrieben, wo die klimatischen und geographischen Bedingungen dies
ermöglichten. Die Felshaukunst ist keine regionale oder epochale Erscheinung wie z. B. die Steinmetz- oder Holzschnitzkunst.
Uplisziche gewissermaßen ähnliche Felsdenkmäler sind in manchen Ländern des Nahen Ostens wirklich zu finden, aber die Theorie ihrer „Transplantation“ in Georgien schien uns von Anfang an unbegründet. In jedem beliebigen Kunstgebiet sind die Kunstwerke in der Regel das Resultat einer langen kulturellen Entwicklung vor Ort. Auch Uplisziche machte nicht den Eindruck eines aus einem fremden Milieu einmalig übernommenen „Experiments“. Die in georgischen und ausländischen Quellen überlieferten Angaben über die Verbreitung der Felshaukunst in den georgischen Staaten und bei kartwelischen Stämmen haben ebenfalls dazu beigetragen, nach gleichaltrigen oder noch älteren Felsdenkmälern in Georgien zu suchen. Im Rahmen des Programms der Akademie der Wissenschaften Georgiens wurden Forschungen durchgeführt, die eindeutige Ergebnisse brachten: Selbst in der Umgebung von Uplisziche, in einem Radius von nur 20 km, wurden mehrere wichtige vorchristliche Felskomplexe gefunden. In Ostgeorgien, ein paar Kilometer westlich der Stadt Kaspi, wurde eine grandiose Nekropole entdeckt. Es sind einige Gruppen von Höhlen, die auf einer Höhe von 3-5m vom Felsboden liegen. Ursprünglich waren hier etwa 30 Grüfte, heute sind nur noch vier davon unversehrt, von den anderen sind nur noch Reste erhalten geblieben. Die architektonische Analyse dieser Höhlen zeigte, daß ursprünglich, noch vor der Zerstörung, alle Grüfte bzw. Höhlen nach einem Stil gebaut waren.
Felsnekropole dieses Maßstabs waren für Georgien bisher unbekannt. Deswegen war es von Nöten, für ihre Datierung außer ihren architektonischen Elementen auch ausländische Analogien heranzuziehen. In den Grüften wurden die Verstorbenen den landwärtigen Seiten gegenüber in beliebiger Richtung perpendikulär zueinander bestattet, obwohl die Möglichkeit bestand, die Fächer in den Grüften längs der West-Ost-Achse anzulegen. Hier hat man es offensichtlich mit einem nichtchristlichen Vorgang zu tun. Und auch die Vertreter anderer Konfessionen konnten sich eine solche Prachtnekropole inmitten des christlichen Kartlis nicht leisten. Alles deutet darauf hin, daß es sich hier um eine Nekropole für Adelsfamilien des ältesten georgischen Staates, des Iberischen Königtums, handelt. Nicht genau geklärt sind nur ihre genaue Datierung und die sozial-politische Situation zur Zeit ihrer Gründung. Felsgrüfte waren für viele Länder der Welt üblich. Sehr interessante Felsdenkmäler und auch Felskomplexe wurden in fast allen alten Staaten des Nahen Ostens gefunden, z.B. in Ägypten, Asyrien, Urartu, Frigie, Lidie, Paflagonie, Syrien, Palästinien usw. Diese Komplexe wurden in verschiedenen Epochen und Regionen, in unterschiedlicher wirtschaftlich-sozialer und religiöser Umgebung geschaffen, aber trotz oder vielleicht auch gerade wegen der politisch-kulturellen Beziehungen zwischen den Völkern war es möglich, allgemeingültige, „überepochale“ Planungsschemen zu schaffen. Die ausländischen Kunstwissenschaftler versuchen mit Hilfe der archäologischen Methoden mit mehr oder weniger Genauigkeit diese Denkmäler aus geografischer, chronologischer und religiöser Sicht zu klassifizieren. Unser Forschungsdenkmal hatte die meisten gemeinsamen Kennzeichen mit den altiranischen, in der Zoroaster-Epoche geschaffenen Denkmälern. Der Feuerkult (Feueranbetung) verbot bekanntlich, die Verstorbenen in der Erde zu bestatten, deswegen haben die Könige und Adligen von Mydien die Grüfte in den Felsen aushauen lassen und dadurch die „Beleidigung der Erde“ durch Leichenbegrabungen vermieden. (Der Fels wurde nicht als Erde angesehen.) Später war diese Bestattungsweise in den achemenischen, parthischen und sasanischen Königtümern sogar obligatorisch. Unter Berücksichtigung der Erfahrungen anderer Staaten erhielten die Felsgrüfte des iranischen Adels eine gewisse kanonische Form: Der Hauptraum der Gruft ist eine rechteckige Kammer, wo an allen oder an einigen Wänden je ein Fach für die Bestattung der Verstorbenen war. Diese Fächer sind in der Länge und Breite genau den menschlichen Maßen angepaßt, manche davon sind sogar tiefer, einem Sarkophag ähnlich. In die Kammer konnte man direkt vom Felsrand oder von der Säulenhalle durch eine einflügelige Tür gelangen. Solche Grüfte sind in der Regel in höheren Felsen gruppenweise ausgehauen worden und gehörten gewöhnlich bestimmten Familien, wie z.B. „Nakshi-Rustam“, „Tash-Thephe“ bei Mianduaba (Ortsbezeichnung im Iran, Red.), „Duchan Daud“, „Dauduchtar“, Grüfte in Sechne usw. Die Felsen sind um die Grüfte herum mit Reliefabbildungen und Keilschriften geschmückt. Für die masdaische Bestattungsweise waren auch die einfach in die Felsenwand gehauenen Fächer ohne spezielle Kammern kennzeichnend, die zusammen mit den oben beschriebenen Grüften einen Komplex bildeten, wie z.B. in „Kirwanshaha“. Es ist ersichtlich, daß die allgemeine Struktur der Kaspi-Nekropole und der Baustil der einzelnen Kammern den altiranischen Grüften ähnlich sind. Diese Verbindung wird auch dadurch untermauert, daß die einzelnen Fächer-Liegen für die Verstorbenen nur für diese Religion kennzeichnend waren, im Unterschied zu den urartischen oder lidischen Grüften. Die Kaspische Nekropole weist darauf hin, daß auf dem Territorium Inner-Kartlis im Laufe einer gewissen Zeitspanne der Masdaismus oder eine der ihm verwandten Religionen verbreitet gewesen sein muß. (Fortsetzung folgt) |