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Freiheit, Freiheit! Der 26. Mai und die Geschichte der georgischen Unabhängigkeit Mariam
Mtschedlidse
Der Freiheitskampf des georgischen Volkes hat eine
jahrhundertelange Geschichte. Niemals fanden sich die Georgier mit einer
Fremdherrschaft ab. Viel Kraft und Material wurde in diesem Kampf
geopfert, doch er trug auch zur Bildung des nationalen Charakters der
Menschen bei. Schon Anfang des 12.Jh.v.Chr. existierte auf dem Territorium des
heutigen Georgien eine staatliche Einheit namens “Diaochi”; das
berichten die schriftlichen Zeugnisse der alten Urartäer. Bei den
Assyrern heißt diese staatliche Einheit “Daiane”. Orientalische
Quellen erwähnen die großen staatsähnlichen Verbindungen der Stämme im
südwestlichen Teil des heutigen Georgiens. Die alten Griechen nannten
später die Bewohner dieser Gegend “Taochi”. Diesen Name trägt
heute eine Gegend im Süden Georgiens.
Der zweite große Staat im 11.-8.Jh.v.Chr. an der süd-östlichen
Küste des Schwarzen Meeres war die Kolchis, eine Monarchie. Von der
Stärke dieses Landes zeugt die Sage der Argonauten. Der Staat Diaochi im
8. Jh.v.Chr. von den Urartäern zerstört wurde, gegen Ende des
8.Jh.v.Chr. vernichten Stämme aus dem Norden die Kolchis. Auf diesen
Territorien entstanden später zwei georgische Königreiche: “Egrissi”
in Westgeorgien und “Iberien” in Ostgeorgien. Egrissi pflegte enge
Beziehungen mit Griechenland. Im 6.Jh.v.Chr. bezahlte man dort mit lokalem
Silbergeld, von Wissenschaftlern “kolchuri Tetri” genannt, übersetzt
“kolchische Silbermünze”. Das beweist die Existenz eines
großen und starken Staates. Das Königreich Iberien in Ostgeorgien, bzw.
in Kartli, entstand im 4.-3.Jh.v.Chr unter der Parnawas-Dynastie. Die
Blütezeit dieses Staates lag im 3.Jh.v.Chr. Seine Grenzen erstreckten
sich im Süden bis zum Fluß Araks, dem heutigen Grenzfluß zwischen
Armenien und dem Iran, nach Norden bis zum Kaukasus. Im 3.Jh.v.Chr.
vereinigten sich die beiden Königreiche; damit bildete sich die Nation
des georgischen Volkes. Seitdem lagen die Georgier fast ständig im Krieg
mit ihren Feinden.
Im 2.Jh.v.Chr. überfiel der römische Feldherr Pompeus
Kartli. Im 4.Jh.n.Chr. wurde das Christentum in Georgien verbreitet, und
Georgien kämpfte gegen den Iran. In den letzten Jahren des 4.Jh. wurde
Tbilissi, damals noch nicht Hauptstadt Georgiens, von einem Pitiachschi,
einem Vertreter des iranischen Herrschers, verwaltet. Im 5.Jh. führte
Wachtang Gorgassali, der König Georgiens, Krieg gegen die iranischen
Truppen. In seiner Regierungszeit erhielt die georgische Kirche von Byzanz
die Autokephalie, sie unterstand nunmehr nur noch dem georgischen König.
Schon im 4.Jh. war Tbilissi als persische Festungsstadt
bekannt. Doch der Legende nach ist die Gründung Tbilissis als Hauptstadt
mit König Wachtang Gorgassali verbunden. Nachdem er die Iraner besiegt
und Tbilissi befreit hatte, richtete er wegen der strategisch wichtigen
Lage seine Aufmerksamkeit auf diese Stadt. Wachtang Gorgassali begann,
hier einen Königspalast und eine Festung zu bauen. Dieses Vorhaben konnte
er nicht beenden, doch seine Erben setzten es fort. Sie verlegten nach
seinem Willen die Hauptstadt von Mzcheta nach Tbilissi. Im 7.Jh. tauchten
die Araber an den Grenzen Georgiens auf und überfielen das Land. Erst
nach drei Jahren konnten die Georgier sie besiegen und ihre
Unabhängigkeit wiedererlangen. Auch dieser Friede währte nicht lange. Im
11.Jh. versuchten die Seldschuken, Georgien einzunehmen. David IV. der
Erbauer besiegte sie, befreite damit sein Land und schuf einen mächtigen
Staat. Das 12. Jh. wird in der georgischen Geschichte als das goldene
Zeitalter bezeichnet. Das Land erblühte politisch und kulturell unter
König David und seiner Enkelin, Königin Tamar. David der Erbauer
gründete unter anderem die Akademie von Gelati. Auch die Felsenstadt
Wardsia entstand zu dieser Zeit.
Die Georgier festigten ihre Kultur, Literatur, Politik und Wirtschaft.
Doch auch diesem Zeitabschnitt wurde bald ein Ende gesetzt. Im
18.Jh. kämpften die Georgier einerseits im Osten gegen den Iran und im
Südwesten gegen das Osmanische Reich. In den 60er Jahren des 18.Jh.
gewann die Rolle Rußlands in Europa an Wichtigkeit. Da Rußland und
Georgien den christlichen Glauben teilten, beschloß König Erekle II. von
Georgien, mit Rußland ein Bündnis gegen die andersgläubigen Feinde zu
schließen. Am 24. Juli 1783 unterzeichnete er in der russischen Festung
Georgijewsk den entsprechenden Vertrag. Damit stellte sich das Königreich
Kartli-Kachetien, d.h. Ostgeorgien, unter den Schutz des russischen
Imperiums. Am 18. Januar 1801 befahl der Zar von Rußland, Paul I., dieses
Königreich seinem Reich anzugliedern. Auch Westgeorgien war für Rußland
sehr wichtig, damit gewann Rußland Zugang zum Schwarzen Meer. Nachdem die
russische Armee in Georgien einmarschierte und russische Strukturen
eingeführt wurden, brachen in Georgien viele Aufstände gegen den
Zarismus aus. In der Nationalen Befreiungsbewegung des 19. Jh. ist der
Aufstand von 1832, die Verschwörung, am bedeutungsvollsten. 30 Jahre lang
war die georgische Gesellschaft überzeugt, die Wiederherstellung der
staatlichen Unabhängigkeit sei obligatorisch. Doch dieser Aufstand wurde
verraten, und die Aufständischen wurden verhaftet.
Die Nationale Befreiungsbewegung in der zweiten Hälfte
des 19. Jh. war die Fortsetzung des historischen Kampfes der georgischen
Nation. Doch sie hatte ihren eigenen Grund und Charakter. Rußland hatte
den Vertrag von Georgijewski grob verletzt und den ganzen georgischen
Staat annektiert. In der Zeit, in der Georgien in Beziehung mit Rußland
stand, hatte es seine Probleme nur teilweise lösen können. Die
türkischen und iranischen Eindringlinge wurden zurückgeschlagen,
doch die Unabhängigkeit des Staates war verloren. Die georgische Kultur
wollte sich an Europa orientieren, aber der einzige Weg dahin führte
über Rußland. Damit stand Georgien vor der Gefahr, seine eigene Kultur
zu verlieren, denn Rußland wollte seine Kultur auch in Georgien
verbreiten. Die nationale Befreiungsbewegung begann fast zeitgleich mit
der Annektion. Sie fand ihren Ausdruck in Aufständen, so zum Beispiel im
Jahr 1802 in Kacheti, 1804 in Mtiuleti im Gebirge, und 1812 wieder in
Kacheti. 80 Jahre später, nach dem Tod Zar Alexander II., begann
Rußland, die annektierten Völker zu unterdrücken und zu russifizieren.
Die Veröffentlichung georgischer Zeitungen und Bücher wurde sehr stark
zensiert und war fast unmöglich. In den Schulen war die georgische
Sprache auch in den Pausen so gut wie verboten. Der Name “Georgien”
wurde durch den Begriff “Gouvernement von Tbilissi und Kutaissi”
ersetzt. Das Hauptziel der Nationalen Befreiungsbewegung Georgiens Ende
des 19. und Anfang 20. Jh. war die Wiederherstellung des Nationalstaates.
In dieser Zeit lag Rußland im Krieg mit der Türkei. So bot sich für
Georgien eine günstige Gelegenheit, seine Freiheit wiederzuerlangen.
Am 26. Mai 1918 versammelte sich der Seim, ein Rat vergleichbar mit
einem Parlament, zu seiner letzten Sitzung im damaligen Gelben Saal im
Palast des Stadthalters in Tbilissi und verkündete die Freiheit des
georgischen Staates. Am Abend bestätigte Noe Jordania, der erste
Präsident Georgiens, nach einem kleinen Vorwort die Befreiung Georgiens.
Damit wurde Georgien eine unabhängige demokratische Republik. Dann wurde
das Dokument auf Russisch gelesen. Anschliessend verkündete Grigol
Rzchiladse vom Balkon des Palastes der wartetenden Menge diese Erklärung.
Dieser Tag war für das georgische Volk ein großer Feiertag. Die
Aktivität der nationalen Befreiungsbewegung Georgiens wurde so nach 117
Jahren erfolgreich beendet. Doch leider dauerte diese
Unabhängigkeit nur drei Jahre lang. Am 25. Februar 1921 wurde Georgien
wieder von Rußland annektiert. Aus der demokratischen Republik Georgien
wurde die Sowjetrepublik Georgien, und im Land wurde das kommunistische
Regime verbreitet, das fast 70 Jahre andauerte.
Gegen Ende des 20.Jh. war die Kraft des Sowjetstaates
erschöpft. Man spürte, daß das kommunistische System nicht mehr
zeitgemäß war. Die alte Partei konnte den Staat nicht mehr länger
leiten. Ab April 1985 nahm die Partei unter ihrem neuen Generalsekretär
M. S. Gorbatschow den Kurs der Umstellung.
Das gab den in der Sowjetunion vereinigten Ländern die
Möglichkeit, für ihre Freiheit zu kämpfen. Auch das georgische Volk
nutzte diese Zeit. Im Jahr 1988 gewann die Freiheitsbewegung der
georgischen Jugend unter der Leitung Merab Kostawas, Swiad Gamsachurdias,
Gia Tschanturias und anderer zusehends an Entschlossenheit und Stärke,
und am 4. April 1988 fand in Tbilissi die erste von vielen
Protestversammlungen statt: Eine Gruppe von Jugendlichen trat vor dem
Regierungspalast in Hungerstreik. Sie forderten die Souveränität
Georgiens.
Die sowjetische Regierung war entsetzt über diese
Freiheitsbestrebungen. Am 7. Februar wurden solche Versammlungen und
Aktionen gesetzlich verboten, sie sollten durch das Militär verhindert
MERAB KOSTAVA, einer der führenden Personen im Freiheitskampf, wurde selber auch an einem 26. Mai geboren. Schon als Schüler begann er, für die Freiheit seines Landes zu kämpfen. 1956 wurde er mit 17 Jahren zum ersten Mal verhaftet, doch das konnte seine kämpferische Seele nicht brechen. In den 70er Jahren, der starren Zeit des kommunistischen Systems, als alle sich nur um ihr eigenes Wohlergehen kümmerten, waren Merab Kostava und seine Freunde in die Sorgen Georgiens vertieft. Sie gründeten die Helsinki-Gruppe in Georgien. Als die sowjetische Regierung begann, solche Gruppen aufzulösen und ihre Mitglieder zu verhaften, wurden Merab Kostava und Swiad Gamsachurdia als erste in der ganzen Sowjetunion verhaftet. Kostawa verbrachte zehn Jahre im Gefängnis. In dieser Zeit beging Irakli, sein Sohn, Selbsstmord. Aber auch diese Tragödie konnte ihn nicht dazu bewegen aufzugeben. Im Gegenteil, er war immer der erste; in der Nacht des 9. Aprils stand er in der ersten Reihe, er war einer der ersten, der den Bürgerkrieg in Abchasien offiziell beenden wollte, er fuhr als erster nach Südgeorgien, um mit den Meskhen, einer ethnischen Minderheit, die dortige schwierige Situation zu ordnen. Auf dem Heimweg von Südgeorgien starb Merab Kostava am 13. Oktober 1989 bei einem Autounfall auf dem Rikotipaß. Das war für ganz Georgien eine große Tragödie. Das Volk begleitete mit Tränen in den Augen und gesenkten Fahnen in den Händen seinen Sarg hinauf zum Pantheon auf dem Berg Mtazminda, wo georgische Dichter, Wissenschaftler, Politiker, Schriftsteller und andere Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Das Ziel seines Lebens, die Freiheit seines Vaterlandes, konnte Merab Kostava nicht mehr erleben. Doch offiziel ist dieses Ziel seit dem April 1991 erreicht, Georgien ist eine souveräne Republik.
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