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Die CUNA-Tours bietet unter anderem auch ein Trekking durch Tuscheti, das der historischen Route der "Ostkaukasus Gebirgstour" des deutschen Geografen Merzenbacher folgt und das in Zusammenarbeit mit der georgischen Naturschutzorganisation CUNA entstand. Das Trek wird vom kompetenten tuschetischen Ethnographen Giorgi Zozanidse geleitet, der hier geboren ist, jeden Stein, jeden Weg und jeden Hirten kennt. Unten bieten wir sein kurzes Nachschlagewerk für Touristen. von Giorgi Zozanidse
(Fortsetzung, vgl. Ausgabe Nr.22-24) Das Torgwa-Bad befindet sich auf einer Höhe von etwa 1500 Metern. Von hier führt der Weg zunächst über einen bewaldeten Abhang. Auf ungefähr 2000 Metern beginnen steile felsige Hänge. Der Paß, über den dieser Weg führt, liegt auf einer Höhe von 3000 Metern. Im Süden liegt im Staubnebel Kacheti, im Norden die tschetschenischen und dagestanischen Schneegipfel. Auf dem Paß rasten die Tuschen in der Regel und trinken ein Glas Vodka auf den Schutzengel der Reisenden. Eine Gedenktafel erinnert an Gigole Kachoidse, auch „Kodsha" genannt, der diesen Weg entdeckt hatte. Unter seiner Führung hatte man in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts einen Pferdeweg durch das Abano-Tal angelegt, der später sogar in eine Autostraße umgebaut wurde. Diese nennt man bis heute noch „Kodsha-Straße". Das Tal, durch das diese Straße zu den tuschetischen Dörfern führt, heißt „Zchwris-Chorchi" (nach dem georgischen Wort „zchwari", Schaf). Bis heute werden die Schafherden zu Beginn des Frühjahrs durch dieses Tal von den Winterweiden auf die Sommerweiden getrieben. Vom Paß führt die Straße zuerst über felsige und dann über mit Rhododendron bedeckte Hänge und gelangt schließlich zu einem Fluß. Hier nimmt ein Nebenfluß des tuschetischen Alasani, Tschantschachowniszkali, seinen Anfang. Die Straße folgt dem Fluß und nach einer kurzen Waldstrecke erreicht man das erste tuschetische Dorf Chisso. Auf der linken Flussseite liegen die Dörfer Stroltha, Schwelurtha, Nazichari, Tschiglaurtha, Chachabo, und am Talende auf der rechten Uferseite Zokaltha und Kumelaurtha. Hier gelangt die Straße in das administrative Zentrum von Tuscheti - Omalo. In Privatunterkünften oder auch in einem sauberen, wenn auch sehr einfachen Gasthof können Gäste dort übernachten. Hier wie dort kann man europäische oder einheimische, in jedem Fall aber aus ökologischen Zutaten zubereitete, Mahlzeiten genießen. Von Omalo aus kann man ganz Tuscheti erkunden, in Tagestouren mit Übernachtung in Omalo oder auch in mehrtägigen Touren, zu Fuß oder zu Pferd, teils mit dem Auto, teils mit Pferden und zu Fuß. Man bewegt sich in atemberaubend schönen Landschaften, macht Bekanntschaft mit den jahrhundertealten Traditionen und Bräuchen der Tuschen.
Das Dorf Omalo ist das administrative Zentrum von Tuscheti, bedingt schon durch seine geographische Lage, denn von hier führen die Wege in die verschiedenen tuschetischen Täler und Dörfer. Omalo selbst ist in zwei Teile geteilt: Alt-Omalo und Neu-Omalo. Traditionell nannte man Alt-Omalo den Teil, in dem die Menschen wohnten, während in Neu-Omalo vor allem die Ställe für das Vieh lagen. Alt-Omalo ist architektonisch ein typisch tuschetisches Dorf mit kompakten Bauten auf relativ kleinem Territorium, mit engen Gässchen zwischen den Häusern, die hier Churchewa heißen. Das Zentrum des Dorfes ist Treffpunkt der Ältesten, in der Nähe der Siedlung gibt es einen Gebetsort und eine Quelle. Die Häuser sind aus Schiefer und ohne Kalkmörtel gebaut. Die traditionellen Schieferdächer sind nur hier und da erhalten geblieben, die meisten Häuser sind mit Blech- und Asbestschiefern überdacht. Hoch oben über dem Dorf ruht die Ruine einer Festung auf einem Hügel namens Kesselo, genauso wird auch die Festung genannt. Noch heute kann man erkennen, dass die Festung einst aus mehreren Türmen bestand, die von einer Mauer umgeben waren. Die Türme gehörten verschiedenen Geschlechtern. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts war die Festung gut erhalten, aber aus Angst vor diesen „unangenehmen Personen" ließ die sowjetische Regierung sie durch hier stationierte Truppen zerstören. Heute ist die Festung daher nicht mehr so beeindrukkend. Neu-Omalo oder Nieder-Omalo ist im Vergleich mit Alt-Omalo sehr auseinandergezogen. Hier waren früher die Winterlager für Hirten und Schafe. Jede Familie hatte auf ihren Äckern und Weideflächen Winter-Wirtschaftsbauten: Haus, Scheune, Dreschplatz. Im späten Herbst, wenn alle Arbeiten beendet waren, die Ernte eingebracht wurde, die Pässe zu Tschetschenien und Dagestan durch Schnee versperrt waren und keine Überfälle von dort erwartet werden mußten, zogen die Familien in diese Ställe um. Im Frühling zog man dann wieder zurück ins Dorf. Anfang der 80er Jahre wollten die Sowjets hier ein „sozialistisches Dorf" bauen. Die alten Ställe wurden aufgelöst und an ihrer Stelle nicht sehr gelungene, den hochländischen Bedingungen angeblich angepaßte Häuser gebaut. Die Fassaden sind aus Schiefer, aber beim selbst Bau wurden reichlich Zementblöcke und Kalkmörtel verwendet. Diese Häuser prägen das heutige Gesicht Nieder-Omalos, das nichts mehr mit der traditionellen tuschetischen Bauweise gemein hat. Das einzig interessante hier ist das Museumshaus von Nugsar Idoidse mit seinen historisch und ethnographisch bedeutenden und vielfach einzigartigen Stücken.
Die tuschetischen Dörfer sind, wie im gebirgigen Kaukasus üblich, klein. In jedem Dorf stehen 10, selten 25 und mehr Häuser, ohne Höfe, eng aneinander, so daß die Siedlungen nur wenig Fläche einnehmen. Sie ducken sich auf felsigen Hügeln an den südlichen Berghängen. Wichtig war den Gründern vor allem folgendes: Das Dorf sollte dort entstehen, wo es genug Ackerland gab. Dabei sollte das Dorf wenig Platz einnehmen und in einer Zone angelegt werden, wo die Berggetreidearten reifen können, also nicht höher als 2500-2600 Metern über dem Meer. In der Nähe des Dorfes mußte es Trinkwasser geben, das im Winter nicht zufrieren durfte. Das Dorf sollte vor Schneelawinen und Erdrutschen geschützt sein, also auf einem felsigen Hügel und nicht an einem Hang oder in einem Kessel liegen. Die Enge machte das Dorf zu einer Festung, dies war früher wichtig, denn Überfälle durch andere Bergstämme gehörten quasi zum Alltag. All diese Regeln sicherten die Existenz eines Dorfes, wo nur eine davon verletzt wurde, konnte das Dorf nicht lange existieren – einige Dorfruinen in Tuscheti zeugen davon. Das ursprüngliche tuschetische Haus war Wohnhaus, Festung und Wirtschaftsbau in einem. Es mußte wenigstens zweistöckig sein, im Erdgeschoß lag der Stall fürs Vieh eingerichtet, im ersten Stock wohnte die Familie, im zweiten Stock gab es ein Gästezimmer, aber auch ein Schutzzimmer, von wo aus die Männer ihre Hauseingänge gegen Eindringlinge verteidigten. Ein jedes Dorf hat ein gemeinsames Gebäude, einen Kessel, eine Brauerei mit allem notwendigen Inventar. Die meisten Brauereien in Tuscheti funktionieren bis heute. Hier wird in speziellen Meßingtöpfen das Bier für Festtage und Hochzeiten sowie größere Tafeln an den verschiedenen Gedenktagen gebraut. Im Zentrum des Dorfes ist ein Versammlungsort. Hier wurden die wichtigsten Beschlüsse gefaßt. In einigen Dörfern sind bis in unsere Zeit die Sitzsteine für die Ältesten erhalten geblieben. Jedes Dorf besitzt seine Kultstätten, die sogenanten „Kreuze", außerdem Grabstätten und Festungen. Die letzteren sind entweder mitten im Dorf oder außerhalb des Dorfes auf unzugänglichen Felsen. Zu diesen Festungen führte ein einziger schmaler Pfad, der durch die Gewehrnischen in den Wehrmauern ständig überwacht werden konnte. Für die tuschetische Wirtschaft war die nach den Jahreszeiten eingeteilte Lebensweise „an zwei Orten" charakteristisch. Heute gibt es das nur noch in einem einzigen Dorf : Schenako. In den anderen Dörfern zeugen nur noch die in der Nähe des Dorfes gelegenen unbenutzen und zerfallenen Ställe davon. Wer Tuscheti Ende Juli und Anfang August bereist, erlebt die Sommerfeste der Tuschen. Die Tuschen sind nach ihrer Konfession orthodoxe Christen, aber ihre Rituale, die in sommerlichen religiösen Festen vorkommen, sind heidnisch. Ebenso heidnisch sind die Gebetsorte selbst und deren Ausstattung, die feierliche Zeremonie und die Riten sind tief symbolisch. Von diesem letzteren ist „Korbegela" bemerkenswert. Am Ende eines Festes, wenn die Teilnehmer von der Tafel aufstehen, stellen sich fünf starke junge Männer im Kreis auf, Schulter an Schulter, fünf weitere starke junge Männer stellen sich auf die Schultern der ersteren, in die Mitte dieses „zweigeschossigen" Kreises – der eine Festung symbolisiert - stellt sich ein Sänger mit einer Panduri (ein traditionelles Instrument mit drei Saiten, die gezupft werden). Diese Menschenpyramide zieht tanzend und singend zur Gebetsnische. Der Text des Liedes ist althergebracht. Die Gruppe versucht, ohne zusammenzubrechen zur Nische zu gelangen. Man sagt, wenn „Korbegela" unterwegs auseinandergeht, ist ein böses Zeichen fürs Dorf, das Ritual ist die letzte Etappe des Festes, in der geprüft wird, ob die Götter die Gabe und die Gebete angenommen haben. |