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„Wie langweilig ist wahrscheinlich das Leben für die, die nicht tanzen" Zum Tode von Nino Ramischwili, der georgischen Tanzdiva Mari Mtschedlidse Eter Mesurnischwili Nino und Iliko in der Stalinzeit
Nino Ramischwili wurde am 19. Januar 1910 in Baku (Aserbaidschan) geboren, wo ihr Vater als Ingenieur arbeitete. Ihre Mutter war Hausfrau. Schon in ihrer Kindheit schwärmte die kleine Nino fürs Tanzen. Die Mutter brachte sie in ein Ballettstudio in Tbilissi, dessen Leiterin die berühmte italienische Tänzerin Maria Perini war. (Letztere spielte eine große Rolle in der Entwicklung des georgischen Balletts. Einer ihrer Schüler war zum Beispiel der berühmte georgische Balletttänzer Wachtang Tschabukiani.) Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung arbeitete Nino Ramischwili seit 1927 in der Staatlichen Oper Tbilissi als Solistin. Dort lernte sie Iliko Suchischwili kennen, ebenfalls Solist und außerdem Choreograf. Aus ihrer Zusammenarbeit erwuchs bald eine große Liebe,die beiden heirateten und verbrachten die folgenden 50 Jahre miteinander. 1935 sollten Iliko und Nino zum Festival für internationale Volkstänze nach London fahren. Nino wurde ins Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten gerufen. Ihr wurde vorgeschlagen, während dieser Reise andere sowjetische Mitreisenden zu beobachten und dem Kommissariat über ihr Verhalten in London Bericht zu erstatten. Die 25jährige Nino war empört und antwortete, dass sie nicht denunzieren könne. Der Ermittler schrie verärgert: „Sehen sie, hier zeigt sich ihre bourgeoise Herkunft." Nino wurde verboten, über dieses Vorkommnis zu sprechen, aber sie erzählte natürlich ihrem Mann davon. Trotz der Zweifel, ob Nino nach all dem nach London fahren dürfe, füllten die beiden ihre Reiseanträge aus. Zu ihrem großen Erstaunen wurde ihnen die Reise bewilligt. Aber als sie schon die Treppe zum Schiff nach London hinaufstiegen, wurde Nino dann doch zurückgehalten und musste vom Ufer aus mit ansehen, wie ihre Kollegen aus dem Hafen ausliefen. In Moskau versuchte sie herauszufinden, was passiert war. Doch man ließ sie wissen, dass man solche Fragen besser nicht stellt, und wenn man sie stellte, würde man keine Antwort erhalten. Zukünftig sollten sich Nino als ausgewiesene Mitglied der Bourgeoisie noch viele ähnliche Hindernisse in den Weg stellen.
Iliko erlebte in London einen grossen Erfolg. Die Royal Albert Hall war bis auf den letzten Platz ausverkauft, unter den Zuschauern befanden sich unter anderem Georg V., König von England, und die Königin-Mutter Marie. Nach Ende des Festivals lud das britische Königshaus die Festivalgäste zu einem Empfang in den Windsor-Palast ein. Die Königin übergab Iliko persönlich die Goldmedaille. Der georgische Tänzer küsste ihr die Hand. Dieses ritterhafte aber nicht „komsomolische" Verhalten blieb in Moskau nicht unbemerkt. Bei einem Empfang für die Heimkehrer fragte Stalin Iliko: „Na, wie war es, der Königin die Hand zu küssen?". „Mir trat kalter Schweiß auf die Stirn", schrieb später Iliko. Nach einer kurzer Weile aber sprach Stalin weiter: „Du hast recht gehandelt. Warum sollten sie denken, dass wir unhöflich sind." Iliko atmete erleichtert auf. Selbst ein so unwichtiger Vorfall hätte schlimme Folgen haben können, wenn Stalin von Ilikos Tanz nicht so beeindruckt gewesen wäre. Das „Ensemble der Suchischwilis" 1945 gründeten Iliko Suchischwili und Nino Ramischwili ein Ensemble für georgischen Volkstanz. Es hieß zwar Georgisches Nationalballett, wurde aber im Volksmunde immer nur „Ensemble der Suchischwilis" genannt. Schon drei Jahre nach der Gründung durfte die Tanzgruppe erstmals ins Ausland reisen. In den nächsten 50 Jahren traten sie in 87 Ländern, in 1700 Städten auf und unternahmen mehr als 200 Tourneen, ihre Auftritte besuchten rund 50 Millionen Zuschauer. Gastspiele führten das Ensemble nach Finnland, Dänemark, Rumänien, Bulgarien, Deutschland, Österreich, Polen, Frankreich, Italien, Luxemburg, Kanada, Mexiko, in die USA, nach Kuba, Kolumbien, in die Tschechoslowakei, nach Ungarn, England und in viele andere Länder. Iliko Suchischwili und Nino Ramischwili gelten in der georgischen Kulturszene als Reformatoren des georgischen Volkstanzes. Sie belebten fast vergessene georgische Tänze und Tanzschritte wieder, studierten georgische Folklore und schufen auf dieser Basis neue Formen. Nach Ilikos Tod im Jahr 1985 leitet das Ensemble sein Sohn Tengis Suchischwili. So besteht der Name der Suchischwilis im Ensemble, das heute aus 70 Tänzern und Tänzerinnen sowie aus einem kleinen Orchester für georgische Volksinstrumente besteht, weiter.
Seinen Erfolg hatte es nicht zuletzt seinen Leitern und Gründern zu verdanken. Nino und Iliko verfochten sehr streng die Interessen der Truppe. Ihre Proben liefen ohne lange Pausen unter härtester Disziplin und immer nach der Devise: „Alles für den Erfolg." Sie duldeten keinen einzigen Fehler, Nino galt als besonders kompromisslos. Und diese Kompromisslosigkeit betraf alle gleich – die Tänzer in der Gruppe wie auch die Solisten. Dabei war die Kritik nie persönlich verletzend und alle wussten, dass sich der Tadel nur auf die Profession eines jeden bezog. Nino leitete hauptsächlich die Proben, Iliko beschäftigte sich mit den administrativen Fragen. „Sie besaß eine großartige Intuition, was den Tanz anbetraf. Sie bemerkte gleich, welcher Schritt veraltet wirkte und passte ihn sogleich dem modernen Stil an. Jede Probe war ein Experiment. Deswegen wirkten ihre Tänze immer neu, überraschend. Jede Probe dauerte um die sechs Stunden und während wir Tänzer wenigstens jeweils einige Minuten Ruhe hatten, wenn Männer und Frauen einander ablösten, gönnte sich Nino auch in diese Minuten keine Ruhe, denn sie unterrichtete uns alle. Sechs Stunden lang ernährte sie sich nur von Kaffee und einer Unmenge Zigaretten. Vor jedem Auftritt prüfte sie persönlich die Kostüme eines jeden Tänzers und wenn sie etwas entdeckte, was daran nicht in Ordnung war, korrigierte sie es sofort. Im Laufe der Aufführung saß sie in den Kulissen und dirigierte von dort die Truppe. Nicht selten hörte man von dort ihre Stimme flüstern: ‚ Linie aufrichten, Linie!’", erinnert sich der ehemalige Tänzer des Ensembles Tengis Kuraschwili. Nino Ramischwili und Iliko Suchischwili gründeten ihr Ensemble nach dem Krieg, obwohl Iliko sich mit dieser Idee schon seit 1935 getragen hatte. Doch der Ausbruch des zweiten Weltkriegs verhinderte eine solche Gründung. Die Anfangszeit des Ensembles stand ganz im Zeichen des Mangels. So erinnert sich Suchischwili später: „Am Anfang hatten wir nicht einmal eine Trommel, statt dessen benutzten wir einen Stuhl." Nach und nach konnten sie sich feinere Kostüme, ausgefeiltere Produktionen leisten. Einige Aufzeichnungen aus dem Tagebuch des Ensembles mögen einen Eindruck von der aufregenden Atmosphäre der zur Legende gewordenen Gastspiele in aller Welt vermitteln (ob das dann alles wirklich genauso stattgefunden hat, können wir natürlich nicht garantieren, da es sich um Zeugnisse begeisterter Zeitzeugen handelt): 1948. „Das Georgische Nationalballett" fährt zum ersten Mal ins Ausland. Finnland, Helsinki, Sportpalast, unvorstellbarer Applaus. Dann Dänemark, Kopenhagen, Hoftheater. Iliko und Nino werden gewarnt: Das Hoftheater hat seine Vorschriften. Man darf einen Tanz nicht wiederholen. Nachdem der Vorhang fällt, wird er nicht mehr gehoben.
Die Aufführung beginnt. Nach jedem Tanz Applaus. Und nun der „Chewsurische Fechttanz". Brausender Applaus. Der Dänische König und der Prinz sowie der Schriftsteller Martin Andersen Nekse sind unter den Zuschauern. Dann ist die Aufführung vorüber, der Vorhang fällt. Der Applaus will nicht aufhören. Aber den Regeln des Hauses gemäß rührt sich der Vorhang nicht. Der König lächelt. Die Stimmung der Zuschauer scheint auch ihn hingerissen zu haben und nun klatscht auch er energisch in die Hände, der Prinz springt sogar auf die Bühne. Daraufhin geht der Vorhang in die Höhe und, eine Sensation, der Chewsurische Fechttanz wird wiederholt. Am nächsten Morgen teilen die Zeitungen mit: Etwas Unglaubliches sei passiert: „Georgier haben die strengen Traditionen des Hoftheaters gebrochen." 1959. In den USA findet ein Kulturfestival statt. Zusammen mit den Moskauer Theater-Stars, dem Ensemble von Moiseev und der Truppe von Pjatnizki, sind auch die georgischen Tänzer eingeladen. Den ersten Teil der gemeinsamen Aufführung sollen die Georgier gestalten, die Russen den zweiten. Der Vorhang geht auf und nieder, ein Tanz folgt dem anderen, dann ist der erste, georgische Abschnitt vorüber. Der Impressario stürzt auf Moiseev zu, der in den Kulissen steht und heftig klatscht, und ruft: „Ihr Auftritt!" „Nein, nicht unser, wenden Sie sich an Pjatnizki," weist Moiseev ihn zurück und klatscht weiter. Der besorgte Impressario geht zu Pjatnizki, aber vergebens. Durch den Erfolg des georgischen Tanzensembles „erschütterte" Pjatnizki weigert sich, auf die Bühne zu steigen. Die georgischen Tänzer werden „bestraft", indem sie auch den zweiten Teil der Aufführung durchtanzen müssen. 1967. England. Ins Konzert kommt die Witwe von Winston Churchill. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie die Öffentlichkeit gemieden. Sie hat früher schon einmal georgische Volkstänze gesehen und als sie hört, dass das georgische Tanzballett wieder in London ist, geht sie zum ersten Mal nach dem Tod ihres Mannes aus. Die Vorstellung ist zu Ende. Iliko Suchischwili versammelt alle Tänzer hinter den Kulissen. Vor ihnen steht die Witwe von Churchill. „Danke, besten Dank," sagt sie und umarmt Nino und drückt Iliko die Hand. Iliko begleitet die ehemalige First Lady aus den Kulissen. Hinterher fragte er seine Frau: „Hast du es gesehen, Nino? Sie hat geweint."
Der 90. Geburtstag Am 19. Januar 2000 wurde Nino Ramischwili 90 Jahre alt. Ihr Geburtstag wurde in der Staatlichen Philharmonie Tbilissi gefeiert. Präsident Schewardnadse und andere Regierungsmitglieder gratulierten persönlich der Diva des georgischen Tanzes, die ohne fremde Hilfe kaum noch stehen konnte. Und dennoch sagte sie: „90 Jahre sind wenig für eine Tänzerin, das Alter ist nichts, ich fühle mich genauso wie vor 20 oder 30 Jahren." Am 19. Mai wurde vor dem Eingang der Philharmonie der erste Stern für verdiente Künstler aufgestellt – er gehört Nino Ramischwili. Nach ihrem 60. Geburtstag hat sie nicht mehr auf der Bühne getanzt, aber trotzdem war ihr ganzes Leben bis zum Tode mit dem Tanzen verbunden. Auch wenn sie die Proben ihres Ensembles nicht mehr regelmäßig besuchen konnte, hatte sie die Gruppe ständig im Auge und ließ sich, wenn sie einer Probe einmal nicht beiwohnte, von einem Mitglied ihrer Familie vertreten und später berichten. Tanzen, Tanz, die Tänzer, das war für Nino Ramischwili ihr Leben, so wie sie dem Tanz neues Leben und neue Formen gegeben hat. In einem Interview hat sie zu ihrer Leidenschaft einmal folgendes gesagt: „Ich liebe und ehre den Tanz wie auch die Solisten. Begabung ist für den Tanz sehr wichtig. Manche Tänzer lernen Tanzschritte schnell, manche etwas langsamer und später, aber das wichtigste ist, daß der Darsteller den Tanz fühlt, jede Bewegung muss vom Herzen kommen. Ich tue alles dafür, dass die Solisten jeden kleinen Schritt auf höchstem Niveau tanzen. Das braucht viel Mühe und einen starken Willen aber ohne dies darf man sowieso nicht auf die Bühne gehen. Begabung, Fleiß, große Liebe des Berufs, das ist die ganze Harmonie, das ist es, was unentbehrlich für jeden Tänzer ist. Der Tanz ist für mich alles, er ist das ganze Leben, ein großes Vergnügen. Wie langweilig ist wahrscheinlich das Leben für die, die nicht tanzen." Am 5. September dieses Jahres starb Nino Ramischwili in Tbilissi. |