Mehr Strom im Winter?

Neue Zähler in Tbilissi, zwei Blöcke in Gardabani verkauft - und doch trübe Aussichten

Julia Jacoby

Unerbittlich rückt die kalte Jahreszeit näher und damit wird auch die Frage immer drängender: Wie schaut es aus in diesem Winter mit dem Strom? Energieminister David Mirzchulawa machte den Bürgern Ende September in einem Fernsehauftritt Mut. Er gab bekannt, dass es in diesem Winter täglich 14 bis 16 Stunden Strom geben werde. Das wäre doppelt so viel wie im vergangenen Winter, als das berechnete Mittel für Tbilissi nach Angaben der Sprecherin von AES/Telasi bei acht Stunden am Tag lag.

Ein Besuch bei dem amerikanischen Unternehmen macht sofort klar, dass hier gebaut und umgebaut wird. Im Zentralgebäude, in dem einst auch die staatliche Behörde für Stromverteilung untergebracht war, statt muffiger Flure und stickig kafkaesker Büros frisch verputzte Wände und helle Räume, es riecht nach Farbe und „Remont".

Im Januar 1999 hatte AES (siehe Kasten) die Stromverteilung für Tbilissi gekauft, es war die erste grosse Privatisierung im georgischen Stromsektor. Die erste Phase nach der Privatisierung beschreibt die Sprecherin Tina Stambolischwili als „Umstrukturierung" und diese habe vor allem darin bestanden, die Korruption in den Griff zu bekommen. „Rund 800 Mitarbeiter haben die Firma nach Zahlung einer Abfindung verlassen", so die Pressesprecherin. 800 von insgesamt 2000 - das ist mehr als ein Drittel.

Parallel dazu hat AES Millionen in Netze und Anlagen investiert. „Die Kabel und überhaupt alles war in einem schrecklichen Zustand", so Tina Stambolischwili und sie erklärt: „Experten rechnen, dass es drei Jahre dauert, um einen so heruntergekommenen Betrieb auch nur wieder in den Zustand zu versetzen, in dem er sich Anfang der 90er Jahre, also zur Zeit des Zusammenbruches der Sowjetunion, befand. Um westlichen Standard zu erreichen, brauchen wir mindestens noch einmal fünf Jahre."

Ein wichtiger Schritt für die Stromversorgung in Tbilissi ist der Einbau neuer Zähler. Nach Angaben von AES gibt es in der Stadt insgesamt 370.000, davon 358.000 in privaten Haushalten. Der 100.000. neue Zähler wurde im Sommer eingebaut, als wir Ende September bei AES sind, ist gerade die Zahl 166.000 erreicht. „Wir bauen ja nicht nur einfach neue Zähler ein, sondern wir modernisieren zugleich die Kabel im Haus und überhaupt das ganze Stromnetz," so die AES-Sprecherin. Den Einbau der Zähler habe das englische Unternehmen Black & Veach übernommen, und es schaffe immerhin pro Woche 6.000 neue Zähler. Kostenpunkt: rund 150 Mark pro Haushalt.

AES in Zahlen

Hauptsitz von AES ist Arlington im US-Staat Virginia. Die Firma, die 1981 gegründet wurde, betreibt 134 Elektrokraftwerke und hat 20 Stromverteilungsunternehmen und insgesamt 56.000 Angestellte in 28 Ländern der Welt. 1996 wagte sich AES das erste Mal auf das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion vor, nach Kasachstan, 1999 dann nach Georgien, wo die Firma heute zwischen 2000 und 3000 Angestellte hat.

Quelle: AES Telasi

AES ist ein auf Gewinn ausgerichteter Betrieb, und so dienen all die Investitionen nicht nur der Sicherheit der Stromversorgung in Tbilissi, wie die Pressesprecherin freimütig betont, sondern sie sollen in Zukunft auch dafür sorgen, dass die Leute wieder für ihren Strom zahlen. Das Prinzip wird ganz einfach sein: Wer bezahlt, hat Strom, wer nicht, der nicht. Soziale Härten fange die Stadt auf und zum Teil auch internationale Organisationen, sagt Stambolischwili, und das klingt ein bisschen optimistisch.

Trotzdem werden auch diejenigen in Tbilissi, die es sich leisten können (und einen neuen Zähler haben), im kommenden Winter vermutlich nicht ununterbrochen oder wenigstens besonders viel Strom haben. „Wir tun alles dafür, dass es durchgehend Strom gibt, denn diese ewige An- und Abschalterei ist sehr schlecht für die Netze", so die Sprecherin, „aber wir können nur den Strom verteilen, den man uns zuteilt und bisher gab es im Winter immer ein Defizit."

Zwar hat AES/Telasi in diesem Jahr auch die beiden legendären Pannenblocks 9 und 10 des Heizkraftwerks Gardabani gekauft und repariert. Zur Erinnerung: Im Winter 1998/99 mussten diese beiden Blocks etwa 160 Mal ausgeschaltet werden. Sie sollen noch vor Anbruch dieses Winters funktionstüchtig sein, doch Tina Stambolischwili betont, dass der dort produzierte Strom ins Gesamtnetz des Landes gehe, und nicht etwa direkt nach Tbilissi.

Ob genug Strom im Winter zur Verfügung stehen wird, für diese Frage ist das Energieministerium der richtige Adressat. Die Pressesprecherin Nino Asatiani und Utscha Utschaneischwili, Leiter der Abteilung Heizkraftwerke, zeichnen mit geübter Hand Schaubilder und Tabellen, um das komplizierte Stromsystem einigermaßen verständlich zu machen. Ihre gute Nachricht für den kommenden Winter ist, dass mit dem wiederhergestellten Gardabani eine beträchtliche Menge Strom ins Netz fließen könnte. Der zehnte Block alleine produziere ungefähr 2 Millionen Kilowattstunden am Tag, so Utschaneischwili. Zum Vergleich: Tbilissi braucht im Winterdurchschnitt rund 12 Millionen Kilowattstunden Strom täglich. Nach den vielen schon erwähnten Havarien in Gardabani sollte man allerdings vorsichtig sein mit allzu großen Erwartungen.

Der Strom in Georgiens Steckdosen kommt vor allem aus drei Quellen, erklärt Utschaneischwili: Den Wasserkraftwerken, den Heizkraftwerken und aus dem Ausland, also Armenien, Aserbaidjan oder Russland. Im Sommer kann über Wasserkraft genug Strom produziert werden, um den Bedarf des Landes zu decken.

Im Winter wird sehr viel mehr Strom verbraucht als im Sommer, fast drei mal so viel, um genau zu sein, weil oft auch mit Strom geheizt wird. Zugleich ist im Winter der Wasserspiegel der Flüsse wesentlich niedriger. Daher werden normalerweise im Sommer Reservoirs gefüllt, die im Winter helfen sollen, die Wasserkraftwerke zu betreiben. „Wegen der Dürre in diesem Sommer sind unsere Reservoirs jetzt allerdings so leer, wie normalerweise im Winter", so Utschaneischwili. Das heiße, dass das, was an Strom durch den Verkauf und die Renovierung der Kraftwerksblöcke in Gardabani hinzugekommen sein könnte, durch die Folgen der Dürre schon wieder quasi aufgebraucht ist.

Die letzte Chance für eine bessere Stromversorgung in diesem Winter ist also wieder einmal der Kauf von Strom. „Das Hauptproblem hierbei ist immer wieder das Geld", so Utschaneischwili. „Wenn wir genug Geld hätten, dann könnte wir Strom kaufen." Das stimmt nicht positiv für diesen Winter, denn in der internationalen Gemeinschaft ist inzwischen nur noch wenig Bereitschaft vorhanden, Georgien für solche Zwecke Kredite zu gewähren.

Bereits jetzt lasten umgerechnet rund eine Billionen Mark an Energieschulden auf den georgischen Steuerzahlen, eine Summe, die der Energie-Experte der Weltbank Jonathan Walters in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift Profile nannte. Ein großer Teil dieser Summe sei in den dunklen Kanälen der Korruption versickert, so Walters. Einziges wirksames Gegenmittel nach Ansicht des Weltbank-Experten: Privatisierung – und zwar vor allem der Stromverteiler.

Zweites Hauptproblem bleibt weiterhin, dass es in Georgien nicht üblich ist, Stromrechnungen zu bezahlen. Auch hier ist das wirksamste Gegenmittel die Privatisierung der Stromverteiler. Aus all diesen Gründen habe man eben in diesem Sektor mit der Privatisierung begonnen, so die Sprecherin im Energieministerium Nino Asatiani. Neben Tbilissi sei nun auch in Kachetien die Stromverteilung in private Hände übergegangen. Ein georgisches und kein internationales Unternehmen habe diesmal übernommen, wie sie betont.

Die Privatisierung in Tbilissi beginne in bezug auf die Zahlungsmoral der Stromkunden erste Wirkung zu zeigen. Laut Nino Asatiani haben im August 38 Prozent der Verbraucher ihre Stromrechnung bezahlt. Das seien sensationell viele, so die Pressesprecherin. Im Juni habe die Quote noch bei 13 Prozent gelegen. In Zukunft kommt also vielleicht doch einmal Geld in die Kassen des georgischen Energiesystems. Für diesen Winter müssen sich die, die in Georgien wohnen, aber vermutlich noch einmal warm anziehen. Und hoffen, denn immerhin hat ja der Energieminister Ende September in einem Fernsehinterview versprochen, dass es in diesem Winter doppelt so viel Strom geben wird, wie vor einem Jahr.