Julia Jacoby

Sorglos im Sans Souci

Es gibt Kneipen, in denen fühlt man sich wohl, wenn man sie das erste Mal betritt. „Ah!", denkt die gestresste Seele, „hier bin ich Mensch, hier darf ich sein." Es gibt solche Kneipen auch in Tbilisi, auch wenn es in Tbilisi eigentlich keine Kneipen gibt, sondern eher Cafes oder Restaurants. Le Sans Souci in Schawteli-Straße ist einer dieser gemütlichen Orte, Mischung aus Künstler-Cafe und Restaurant, und im eigentlichen Sinne eben eine Kneipe.
Die beiden Gasträume sehen aus, als blickten sie auf eine lange, lange Geschichte zurück. Und das tun sie in gewissem Sinne auch, auch wenn die Kneipe erst vor anderthalb Jahren aufgemacht hat. Besitzer und Gestalter ist der stadtbekannte Künstler Rezo Gabriadse, der nebenan auch noch sein eigenes Marionetten-Theater hat. Die Ausstattung, Tische Lampen, Stühle, Tresen, alles habe Gabriadse aus Bruchstücken zusammenzimmern lassen, die er in der Altstadt gefunden habe, erzählt uns Inga, die Bedienung. Die Wände sind mit naiven Malereien geschmückt, die aussehen wie die Kulissen zu einem der Theaterstücke im Gabriadse-Theater.
Ein uraltes Feld-Telefon ist in die Wand eingemauert und sieht aus, als könnte es auf keinen Fall funktionieren - es funktioniert aber doch. Bäume, die durch die Tische wachsen, eine perfekte kleine Tür in der Eingangstür für den Kater Charly, Fußballspieler als Hohlstickereien in den handgefertigten weißen Gardienen am Fenster- das Auge langweilt sich nicht.
Zu einer guten Kneipe gehört eine kleine, deftige Auswahl an Gerichten. Georgisch typisch kann man im Sans Souci essen, für die deutsche Zunge könnte der Koch oder die Köchin ein wenig an Salz und Fett sparen. Insgesamt schneiden die Fleischgerichte - vom Geschmack her zwar OK, aber kaum zu kauen - am schlechtesten ab. Lecker fanden wir dagegen Salate und Vorspeisen, etwa den Salat Margalita, ein Karotten und Rote Beete Salat. Auch die gebratenen Kartoffeln schmecken gut, mit Knoblauch oder einfach als die georgische Version der Pommes Frites. Letztere passen mit einer würzigen Tomatensoße sehr gut zum Bier.
Der absolute Hit im Sans Souci aber ist der gedeckte Apfelkuchen, der seinesgleichen sucht. Nix mit Creme und Baiser, dafür ein knuspriger und wenn man früh genug kommt noch warmer Kuchen mit dicker Apfelfüllung in dünnem Teig, fast strudelig. 80 Tetri kostet das Stück und es gibt auch die Möglichkeit den Kuchen einen Tag vorher zu bestellen und zu hause zu servieren. Natürlich schmeckt er da nur halb so gut, weil die besondere Atmosphäre fehlt.
Le Sans Souci liegt am Fuße der Altstadt. Aus den Fenstern blickt man aus der einen Seite auf ein Haus, das halb zusammengestürzt, halb noch bewohnt, einen ungewöhnlich tiefen Blick ins Leben in des verfallenden Viertels gewährt. Seit diesem Sommer gibt es auf der anderen Seite eine Terrasse, auf der drei Tische stehen. Dort ist es besonders schön im Sommer, wenn man bis Mitternacht im Schatten der Antschizkhati Kirche sitzt und sich beim Wein oder bei einem kühlen Argo oder Kasbegi den wirklich wichtigen Fragen des Lebens widmet.

Le Sans Souci kann man vom frühen Mittag, ab 10. Uhr bis in die späte Nacht besuchen, jeden Tag geöffnet, Telefon: 99 65 94