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Diana Kessner
Übersetzt von E.M.
(Fortsetzung, vgl. Ausgabe Nr. 16-25)
Ihr seid nicht
vergessen
Nach den Prophezeiungen von Lidia Gelb wurde die Mutter
zu abergläubisch, weil alle Kartenwahrsagungen sich bis heute
verwirklichten.
Und nun kommt Mutter einmal absolut niedergeschlagen und deprimiert vom
Markt. Einige Tage sprach sie kein Wort, aber dann gestand sie mir und
Swetlana zu, dass sie bei einem Wahrsager war. Der letztere hätte ihr
einige Ereignisse aus unserem vergangenen Leben mit erstaunlicher
Genauigkeit erzählt und auch vorausgesagt, dass am 23. August unser Vater
sterben würde. Die Mutter schilderte alles so glaubwürdig, dass es für
Zweifel keinen Grund gab. Wir erstarrten…
Die Mutter wurde krank. Sie konnte nicht essen. Bei einigen Schritten
erbrach sie sich, und konnte nicht mehr stehen. Sie nahm vor unseren Augen
ab und sah tag-täglich aus wie eine Sterbende…. Der Vater aber fühlte
sich ausgezeichnet, aß, trank, arbeitete, spielte abends Klavier und
besuchte das Kinohaus… Bis zu seinem Ende blieb weniger als ein Monat,
die Mutter verfolgte ihn überall: vielleicht gibt ‚s einen
Verkehrsunfall, oder was weiß man noch?
Die letzten Nächte ab dem 21. August saßen wir neben seinem Bett:
vielleicht bekommt er einen Herzanfall oder Atemnot… In der Nacht des
23. fieberte es uns . Wir erzählten über unsere Befürchtung auch
unserem Onkel und er schloss sich auch unserem Wachdienst an.
Die Nacht verging erstaunlich friedlich. Der Vater drehte sich sogar nicht
auf die nächste Seite.
Jetzt blieb nur noch der Tag des 23. Und an diesem Tag verschlossen wir
unseren Vater mit verschiedenen Erklärungen zu Hause. Die Mutter kochte
seine Lieblingsspeisen…
Auch dieser Tag verging ohne besondere Komplikationen. Am Abend befiel die
Mutter der Schlaf und sie schlief zwei Tage ohne Unterbrechung. Danach
stand sie auf, absolut gesund, aß zum ersten Mal in der letzten Zeit ganz
ordentlich und von nun an atmeten wir alle erleichtert auf.
Der Vater starb aber wirklich am 23. August nur 25 Jahre später.
Eine meiner Lebensfreuden und auch des Vaters waren Kino- und
Theaterbesuche. Im Zentrum der Stadt waren immer Annoncen ausgehängt.
Kurz nach unserer Ankunft in diese Stadt lief im Theater: „Kabale und
Liebe" und „Die Räuber" von Schiller. Wir gingen zusammen mit
dem Vater ins Theater. Für mich hatte die Mutter noch in Semijarsk ein
strenges, enges Kleid aus dem schwarzen alten Wollrock unserer Großmutter
genäht. Die Manschetten und der Kragen waren mit fliederfarbenem
Seidenfaden bearbeitet und an der hinteren Seite hatte es eine Falte. Nach
meiner Bitte lieh mir die Mutter ihren Pelzmantel und wir gingen etwas
früher, um rechtzeitig ins Theater zu gelangen. Es war Samstag und wir
konnten auch keine Eintrittskarten bekommen.
Wir gingen natürlich zu Fuß. Im harten zertretenen Schnee
widerspiegelten sich beleuchtete Fenster der Häuser. Eine öffentliche
Straßenbeleuchtung gab es in der Stadt nicht und wenn wir in eine enge,
dunkle Gasse eintraten, bekamen wir immer Angst, dass uns jemand
überfallen und ausplündern könnte. Solche Fälle kamen öfters vor.
Aber wir waren plötzlich schon am Theater und der Vater ging zur Kasse.
Ich nutzte die Gelegenheit und setzte mich auf eine Bank, ein bisschen
auszuruhen. Und… ich spürte, wie die Naht meines Rockes von hinten
platzte. Als der Vater mit den Karten zu mir kam, klingelte es schon zum
zweiten Mal. Das Theater wurde beheizt und ich sollte den Mantel abgeben,
aber wie konnte ich es tun, wenn von hinten meine Unterwäsche zu sehen
war?
Der Administrator ließ uns nicht ein, er verlangte, dass ich den Mantel
ablegte. Natürlich habe ich den tatsächlichen Grund verschwiegen und
log, dass ich erkältet war. Aber der Administrator blieb streng und
kategorisch. Schließlich ging er kurz irgendwohin, mein Vater steckte der
Kontrollefrau einen zerknitterten Einrubelschein und wir verschwanden im
dunklen Saal…
Die Aufführung verlief für mich auf einem Atem. Die Theatertruppe
bestand aus von der Hauptstadt evakuierten Schauspielern und alles war auf
höchstem Niveau. Nach diesem Spektakel besuchten wir auch einige
kasachische Aufführungen, die auch ganz gut waren. Überhaupt müsste man
sagen, dass die Kasachen den Krieg kaum spürten. Sie ernährten sich „erstklassig"
– Fleisch, beste Fischsorten, die im Irtisch gefangen wurden, Milch
(Kuh-, Kamel-), Butter, Käse, verschiedene Kornsorten, Mehl – nur
höchster Qualität – feinstes Weizenmehl… Alle waren sehr gut in
Leder- und Pelzkleidern und warmen Stiefeln angezogen. Die Kinder waren
rotwangig und dick. Dem Charakter nach waren sie nicht geizig, baten den
Gast gleich zum Tisch, wenn sie gerade speisten. Auf diese Weise machte
ich mich mit der kasachischen Küche bekannt. Außer Rind- und
Schaffleisch benutzten sie auch Pferd-, Bären- und Bockfleisch
(Schweinefleisch aßen sie nicht). Das Hauptgetränk der Kasachen blieb
immer nur der grüne Tee.
Die billigste und beliebteste Ausgangsmöglichkeit blieb aber immer noch
das Kino. Die aktuellsten inländischen Aufnahmen kamen nach Semipalatinsk.
Und natürlich, alle diese waren über den Krieg.
Die Tendenz der Kinozensur und des Kinovorstandes war eindeutig: der Feind
ist dumm, ungebildet, kennt sich in der Kriegstaktik und –strategie
nicht aus... Daher entstanden verschiedene lustige Bilder eines „Operetten-Krieges",
in denen der Feind ohne jegliche Komplikationen niedergeschlagen wurde.
Man lacht und siegt. Solche Filme waren: „Unruhige Wirtschaft", „Himmlische
„Leise-Bahn", „Heldentat eines Aufklärers". In der Regel
waren diese Filme musikalisch und die Darsteller – hübsch.
(Fortsetzung folgt)
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