Seite des Deutschlehrers

Deutschlehrer in der ganzen Welt:

Lehrer und Schriftsteller Leonard Thoma zu Besuch in Tbilissi

Leonard Thoma in Tbilissi

Im Herbst letztes Jahres besuchte Georgien ein Schriftsteller und zur Zeit Deutschlehrer in Spanien Leonard Thoma. Maja Sachltchuzischwili führte mit ihm ein Interview, wo er über sein Schaffen und Reiseeindrücke spricht.

K.P. Herr Thoma, wir wissen nicht viel über Sie und Ihre Tätigkeit. Könnten Sie uns etwas darüber erzählen?

Leonard Thoma: Ich bin 1966 in Aschaffenburg geboren und in Augsburg aufgewachsen. In München habe ich Germanistik und Philosophie studiert. 1992 habe ich die Universität abgeschlossen und seitdem arbeite ich als Deutschlehrer, also für DaF (Deutsch als Fremdsprache). Ich war zuerst in Berlin, dann drei Jahre in Frankreich, und seit acht Jahren arbeite ich in Barcelona. Dort gebe ich an einer Universität Deutschkurse und auch Literaturkurse. Es gibt zwei Bücher von mir; "Der Hundetraum" ,der 2001 veröffentlicht wurde, und "Die Blaumacherin" (2003). Ich bin jetzt halb Lehrer und halb Autor.

M.S. Wie sind Sie dazu gekommen, Schriftsteller zu werden?

L.Th. Ich habe schon immer gerne für mich geschrieben. Es gibt nicht nur für Studierende Erzählungen, sondern auch "normale" Erzählungen, aber die sind noch nicht veröffentlicht. Ich habe Geschichten für Prüfungen für die 10. Klasse geschrieben. Für diese Geschichten interessierte sich ein Verlag. Es sind Kurzgeschichten speziell für die Deutschlehrer. Dieses Projekt gibt es genau fünf Jahre, also seit 1999. Darüber habe ich den Kontakt zu diesem Verlag bekommen.

M.S. Sie lesen Ihre Geschichten wunderbar vor, mit großer schauspielerischer Begeisterung. Haben Sie auch diese Kunst erlernt, oder haben Sie dieses Talent schon von Geburt an?

L. Th. Ich habe nichts gelernt, aber ich habe mich immer für Theater interessiert. Ich habe aber selbst nicht gespielt. Als ich meinen Zivildienst absolvierte, arbeitete ich in einem Schülerheim. Dort war ich der Regisseur der Theatergruppe.

M.S. Finden Sie Ihre Arbeit hier in Barcelona interessant?

Ja, mich interessiert das sehr. Wenn ich in einem anderen Land Deutsch unterrichte, dann treffe ich die Menschen von dort. So unterrichte ich nicht nur, sondern lerne auch immer viel über die Kultur. Hier unterrichte ich Deutsch, lerne aber gleichzeitig Spanisch. Für mich ist das eine angenehme Situation, weil ich nicht nur Lehrer bin, sondern auch jeden Tag Schüler.

M.S. Was für Unterschiede habe Sie zwischen deutschen, spanischen und georgischen Studenten bemerkt? Und was haben sie gemeinsam?

Über die georgischen Studenten kann ich noch nichts sagen, weil ich keine getroffen habe, sondern nur Lehrer. Über die Lehrer kann ich jedoch berichten, dass sie sehr motiviert und gut ausgebildet sind. Das Deutschniveau ist hoch. Die Leute hier sprechen wirklich sehr gut Deutsch, besser als in Spanien. Manchmal weiss ich nicht, ob es eine Muttersprache oder eine Fremdsprache ist. Sie sind sehr offen, sehr qualifiziert und interessiert. Ich habe also im Großen und Ganzen einen äußerst guten Eindruck.

M.S. Würden Sie gerne mit den georgischen Germanisten arbeiten?

L.Th. Sehr gern. Morgen fahre ich in eine andere Stadt, nach Kutaisi. Ich freue mich, dort wieder Kollegen und Kolleginnen zu treffen und mit ihnen zu sprechen. In Spanien läuft es sehr getrennt ab, der Sprachunterricht und die Literatur. Dort sagen die Menschen meistens, Deutsch interessiere sie für den Beruf oder für die Industrie. Hier interessieren sich die Leute nicht nur für die Sprache, sondern auch für Literatur und Kultur.

M.S. Wie wählen Sie die Thematik Ihrer Werke aus?

L.Th. Man schreibt am besten über die Dinge, die man kennt. Die Themen meiner Geschichten sind meistens Situationen aus dem Alltag, die ich erlebt und gesehen habe. Ich interessiere mich nicht für Historische Themen, ich habe zum Beispiel keine Lust über Mozart zu schreiben. Ich schreibe über das Jetzt und Hier, was ich sehe, was mir die Leute erzählen. Das ist meine Thematik.

M.S. Woran arbeiten Sie gerade?

L. Th. Ich schreibe jetzt Geschichten für ein Buch, vielleicht für eine höhere Stufe im Unterricht, und ich möchte ein Buch über Barcelona schreiben. Jedoch nicht über Barcelonas Monumente, sondern über die Menschen und Eindrücke. Und schließlich versuche ich, einen Roman zu schreiben.

M. S. Schreiben Sie auch Gedichte?

L. Th. Ja, aber nur zum Spaß oder zum Geburtstag. Ich habe ein paar Kindergedichte geschrieben, moderne Lyrik mag ich jedoch nicht so gern. Sie gefällt mir zwar, aber es ist einfach nicht meine Welt.

M.S. Was würden Sie als Philosoph und Schriftsteller nach dem ersten Eindruck den Georgiern raten?

L. Th. Das ist schwierig zu sagen, dafür bin ich einfach noch nicht lange genug hier.

M. S. Sind Sie denn zum ersten Mal in Georgien?

L.Th. Ja, und auch nur für vier Tage. Ich weiß, daß Georgier sich sehr um Bildung bemühen. Ich weiß auch, daß es hier viele wirtschaftliche Probleme gibt. Ich hoffe, daß es in diesem Bereich Fortschritte geben wird, und daß immer diese Bildung und Kultur, und auch die Lust auf diese Kultur, erhalten bleibt. Im Vergleich zu Deutschland und Spanien kann ich behaupten, daß die jungen Leute immer oberflächlicher werden. Man hat für mich an der Uni Lieder gesungen. So etwas würde mir in Deutschland nie passieren, daß die Menschen spontan zusammenkommen und singen. Deshalb wäre mein Rat, meine Hoffnung, daß diese Spontaneität und Gastfreundlichkeit erhalten bleibt.

Ihre Wünsche zum 10-jährigen Jubiläum der Kaukasischen Post?

L.Th. Eine Zeitschrift wie die Kaukasische Post als "Botschafterin" zwischen den Kulturen spielt hier sicherlich eine wichtige Rolle. Dabei wünsche ich ihr auch für die Zukunft viele Leser und alles Gute.

M.S Vielen Dank für das Interview.

zurück